Der Aufstieg
Entgegen meiner Vorstellungskraft, Sasha würde die MIG einfach auf den Antriebsstrahl stellen und in gerade Linie nach oben fliegen, legte er die MIG in eine linke Aufstiegskurve und die G-Kräfte ließen sich auf mir nieder. Der G-Force-Meter näherte sich ab und zu sprunghaft der 4er Marke, und ich hatte meine Mühe, die Kamera im Cockpit zu bewegen. Aber ich konnte mich regulieren und schaffte es, die Kamera ruhig auf meinen rechten Oberschenkel zu legen, so das ihr Objektiv mich filmte. Ich war froh, das ich Handschuhe anhatte, so konnte ich den Handriemen gut fassen und sie rutschte mir so auch nicht aus der Hand.
Ich bewegte den Kopf nach links und rechts und bemerkte, wie der Boden sich immer weiter entfernte. Ich blickte auf den Mach-Meter. Die Mach 2 Marke lag bereits schon 0.6 Striche hinter uns, wir stiegen also mit Mach 2.6 in den blauen Himmel über Russland auf.
Ich beobachtete den Höhenmesser. Er rotierte schnell um die eigene Achse und ich sah die Zahlen rasend schnell ansteigen. Ich drehte die Kamera auf meinem Schenkel so, das ich ungefähr erahnen konnte, das sie den Höhenmesser erfassen konnte. Der äußere Zeiger rotierte wahnsinnig schnell, im inneren bewegte sich ein kleinerer Zeiger, im innersten Kreis zeigten sich Zahlen auf einem Display. Die Angaben erfolgte auf dem Display in Meter, nicht in Fuß. Ein Relikt noch aus sowjetischer Zeit, als man westliche Maßeinheiten,
die von jenseits des großen Teiches stammten, kategorisch ablehnte. Der Höhenmesser zeigte 18.000 Meter. Ich flog also schon höher, als es jedem Verkehrsflugzeug jemals gelingen sollte. Bei Verkehrsflugzeugen z.B. einer Boeing B 747 ist bei maximal 13.500 Meter Schluss, dann ist die Luft nicht mehr tragfähig. Größere Höhen sind nur Flugzeugen vorbehalten, die schneller fliegen können und somit weniger Auftrieb benötigen.
Das Blau des Himmels war noch da. Die Erde schrumpfte unter mir rasch und ich wartete auf den Effekt, das sich der Erdhorizont immer mehr abrundete. Dieser Effekt war schon zu sehen und unter mir waren schon keine Einzelheiten der Oberfläche mehr zu erkennen. Ich blickte kurz auf die rechte Seite und sah einen Kondensstreifen unter uns.
Ich erschrak fürchterlich, weil ich dachte, dort würde ein weiterer Jet fliegen. Dann wusste ich jedoch und bemerkte, das dieser Kondensstreifen unser eigener war, der sich wie eine Spirale hinter uns herzog. Ich sah also, das Sasha die MIG wie einen Korkenzieher in die Höhe trieb. Der Mach-Meter stand kurz vor Mach 3.
Ich versuchte soviel in meinen Kopf hinein zu bekommen wie nur irgend möglich. Die G-Kräfte zehrten an mir und ich bemerkte die Arbeitsweise des G-Force-Anzugs, der mit dem Cockpit verbunden war. Der Bordcomputer pumpte Luft in die Hosen, um das Blut daran zu hindern in die Beine abzusacken. Den selben Effekt bemerkte ich an meinen Armen. Hätte ich in diesem Moment nicht einen solchen Spezialanzug angehabt, hätte mein Gehirn nicht genug Blutversorgung bekommen, und somit einen Sauerstoffmangel. Die Folge wäre zunächst in einem ‚Tunneleffekt’ zu bemerken, indem sich das Gesichtsfeld immer mehr verengt und man denkt, durch einen Tunnel zu fahren.
Ich dachte an meinen Ritt in der Zentrifuge und wusste nun und erfuhr am eigenen Leibe, warum Raumfahrer im Liegen in Richtung All fliegen. So kann sich das Blut nicht in den Beinen sammeln. Ein Raumfahrer benötigt also nicht einen solchen Spezialanzug, weil er nach hinten auf seinen Sitz gepresst wird. In einem Jet ist man schnelleren und abrupteren Manövern ausgesetzt, da hat der Organismus keinerlei Zeit, sich auf die neue Gegebenheit einzustellen.
Nach ungefähr 6 weiteren Minuten zog Sasha die Nase wieder in die Horizontale und in die Waagrechte. Der künstliche Horizont zeigte an, das die MIG wieder normal lag.
"Now we are on an altitude of 25.000 meters!" sagte Sasha via Interkom. "Welcome in the 'Edge of Space Area'".
Ich hatte dies gar nicht richtig mitbekommen. Die letzten Monate mit diesem Begriff ‚Edge of Space’ fast verheiratet, war ich nun tatsächlich in einer Höhe von 25 Kilometern. Entfernungsmässig mit einem Auto bekommen Sie das hin mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 100 km/h in 15 Minuten. Nur befand ich mich nicht ‚weg’ von meinem Abflugort, sondern ‚hoch’.
Die G-Kräfte waren wieder normal, der Mach-Meter zitterte so an die Mach 3 und ich filmte das Anglitz der Erde.
"Ja," dachte ich, "wir leben tatsächlich auf einer Kugel. Galileo hatte also recht!"
Die Erde erschien unter mir in einem satten blau-weiß. Der Horizont war blau und verwusch sich so langsam in Schwarz. Ich blickt nach oben und sah, das der Himmel tatsächlich schwarz war. Einige Sterne funkelten durch die logischerweise immer noch über uns vorhandene Atmosphäre und blaue Schlieren waren zu sehen. Wir befanden uns in einem Stratosphärenflug, und das einzige was ich in meinen Ohren hörte war das leise Summen der Turbinen und die Apparate, die den Druckausgleich im Cockpit bewerkstelligten. Mir fehlten die Worte. Ich wollte Sasha antworten, doch irgendwie bekam ich kein Wort hinaus. Ich versuchte das um mich herum Geschehende in mich aufzusaugen und dann kam wieder diese Stimme in meinem Kopf hervor. "Komm höher!" sagte die Stimme leise. Sie war wie ein vertrauter Bekannter. "Komm höher!".