You have the Control!
Sasha riss mich aus meinen Gedanken. "Now we begin with the descent!" hörte ich in meinem Ohr und er verringerte die Geschwindigkeit. Er riss mich abrupt aus meinen Tausenden von Gedanken. Der Mach-Meter fiel schnell unter die Mach 2.5 Marke und das Geräusch, welches ich im Cockpit wahrnehmen konnte, wurde ein anderes. Sasha senkte die Nase der MIG nach unten und der Horizont der Erde begann aus meinem Blickwinkel nach vorne zu verschwinden und verschob sich in Richtung Kabinendecke.
Nun sah ich das Blau der Erde aus einer vollkommen anderen Perspektive und ich raste meinem Heimatplaneten wieder entgegen. Immer noch war keine Wolke zu sehen, ich war mir jedoch nicht sicher, ob ich die Schneeflächen tatsächlich von Wolken unterscheiden konnte aus dieser Höhe.
Die russische Lady sprach mit mir und sagte: „Na, Andreas, habe ich Dir zuviel versprochen? Ich habe Dich hier hoch gebracht, und Du kannst sicher sein: ich werde Dich auch wieder gut nach Hause bringen.“
Ich fragte mich, wie man aus dieser Höhe wohl seinen Heimatflughafen ansteuern konnte.
Der Abstieg, den ich machte war vergleichbar mit dem Descent-Manöver des Space-Shuttles. In Schwenkbahnen baut der Shuttle Geschwindigkeit ab. Von 28.000 Stundenkilometern auf knapp 600 binnen 12 Minuten. Ich musste an die verunglückte Besatzung der Columbia-Mission denken im Februar 2003. Der Unfall war in wesentlich größeren Höhen passiert als in der, wo ich mich zur Zeit befand. Jedoch war es für mich das selbe Gefühl, als würde man von einer Mission von den Sternen zurückkehren. Sasha lenkte die MIG in Rechts- und Linkskurven in Richtung Heimatbasis zurück.
Ich konnte zwar nicht ausmachen, wo die Heimatbasis auch nur im Entferntesten liegen würde, jedoch wusste ich natürlich, das Sasha ein absolut erfahrender Pilot und Testpilot war. Er würde unsere russische Lady und mich schon sicher zum Heimatstützpunkt zurückbringen.
Ich beobachtete den Höhenmesser. So schnell wie er nur Minuten zuvor gestiegen war, fiel er nun ab. Binnen Minuten waren wir auf "normalen" Höhen von 12.000 Metern angelangt, als ein Knacken in meinem Kopfhörer Sasha wiederum ankündigte, nachdem er die Nase etwas nach oben gezogen hatte.
"Okay, Andreas. Now, you have the Control!"
Mein Herz blieb fast stehen. Hatte ich mich etwa verhört? Hatte er wirklich zu mir gesagt, das ich die Kontrolle über die MIG 25 hätte?
Ich wollte nachfragen ob es sich um einen Scherz handeln würde, jedoch verbiss ich mir diese Frage und blickte nach unten auf meine Füße, die in den Ruder Pedalen standen. Ich drückte meinen linken Fuß ein wenig nach links, und die MIG 25 reagierte mit ihrem Seitenruder sofort und begann einen leichten Schwenk nach links.
"No, Andreas. Use the Stick! That´s easier" meinte Sasha und ich schluckte wiederum. Nun hatte ich ein Problem. In meiner rechten Hand hatte ich die Sony-Cam. Also musste ich mit der linken Hand die MIG steuern. Okay, dachte ich. Ist die Herzseite, also kann da nichts schief gehen.
Ich umklammerte mit der linken Hand den Flightstick und drückte ihn sanft nach links. Die MIG reagierte sofort und ich bemerkte, das wir eine Linkskurve machten.
"Be patient, Andreas. Not over 30 degrees!" hörte ich Sasha sagen und sofort zog ich den Stick nach der rechten Seite. Eine Rechtskurve folgte und die MIG neigte sich sanft zur rechten Seite. Es war einfach unglaublich. Da flog ich jetzt nicht nur 'in' einer MIG 25, sondern ich flog sie tatsächlich. Gut, ich war mir immer sicher, da Sasha hinter mir saß und im Notfall definitiv eingreifen konnte, und ich übertrieb es nicht und machte keine Kapriolen. Ich wollte sicher und heil zur Erde zurückkehren, also strapazierte ich weder die Nerven der russischen Lady noch die Nerven meines Commanders und Piloten.
Als ich so einige Links- und Rechtskurven geflogen hatte, zog ich den Stick an mich heran. Der Jet reagierte sofort und flog wieder ein wenig in die Höhe. Ich beobachtete den Höhenmesser. Es war tatsächlich so. Ich steuerte den Jet wieder in die Höhe. Dann schob ich den Stick nach vorne und die Nase senkte sich wieder ab.
"Very good, Andreas.", hörte ich Sasha im Interkom sagen. "You have the flight-blood in your veigns!".
Hätte ich nicht die Sauerstoffmaske vor meinem Gesicht gehabt, hätte ich laut ausgeprustet. Die Maske verhinderte jedoch einen Lachanfall, und ich merkte schon, das er diese Aussage ernst meinte. Gut dachte ich bei mir, vielleicht in einem anderen Leben!
Zwei oder drei Minuten hatte ich die Kontrolle über die Maschine, dann übernahm Sasha wieder den Jet. Wir waren mittlerweile auf 6.000 Meter gefallen, die Oberfläche des Bodens hatte wieder vertraute Konturen angenommen. In weiter Entfernung konnte ich den Flughafen erkennen und die Landebahn, die unendlich zu sein schien.
Sasha sagte: "Andreas! In front of you! You see the airport?"
"Yes, I see!" antwortete ich.
"Okay, please land!"
Das konnte er nicht ernst meinen, und ich lachte voll aus, so das sich meine Sauerstoffmaske etwas von meinem Gesicht abhob. Klar meinte er das nicht ernst! Und wir beide lachten eine Weile. Die Landebahn kam immer näher, und ich hörte mich mit dem Team unterhalten vor ein paar Stunden, als wir mit Sasha durchdiskutierten, das Attila eine Szene benötigte, die den Jet von Außen zeigte in der Luft. Also donnerte Sasha nun mit einer Geschwindigkeit von knapp 650 Kilometern in 60 Metern Höhe über die Landebahn hinweg, flog 4 Kilometer gerade aus, schaltete den Nachbrenner nochmals ein und legte die MIG hinter dem Kontrollturm in eine absolute Links-Schräglage. Mein alter Bekannter, der G-Force Meter sprang wieder über die 4er-Marke, jedoch war mir dies in diesem Moment vollkommen egal.
Sasha vollzog eine elegante 180 Grad Kurve, raste über die Baumwipfel und Gebäude des Flughafens hinweg. Nach 10 Kilometern lenkte er die Maschine wieder um 180 Grad und steuerte die Landebahn an.
Kurz vor dem Aufsetzen hörte ich wieder dieses "Piep-Piep-Piep". VFOR meldete wieder, das wir die Markierungspunkte vor der Landebahn überflogen und uns unserem Aufsetzpunkt näherten.
Sasha fuhr das Fahrwerk aus, welches aber nur wenig von mir bemerkt wurde. Der Boden näherte sich, die hinteren Räder setzten auf der Landebahn auf, die Spitze neigte sich mehr dem Boden zu und nach einigen Sekunden waren wir mit allen Rädern mit der Betonoberfläche der Piste verhaftet.
Die Erde hatte mich also wieder! Und dank Sasha und der russischen Lady ganz und nicht in Stücken!