Countdown
Mit dem Bus fuhren wir dem Truck hinterher. Nach einigen Minuten waren wir auf einer Seitenbahn an der Startbahn angekommen und 'meine' MIG 25 war vom Truck abgekoppelt worden. Das Tankfahrzeug war angedockt und Treibstoff floss. Unser Bus drehte und fuhr in Flugrichtung der MIG 25 auf die rechte Seite, und wir stiegen aus.
Die Sonne schien am Himmel. Kein Wölkchen war zu sehen. Egal, wohin man auch blickte, der Himmel war blau. So etwas hatte ich selten gesehen und dachte, das irgendwer wohl ein Einsehen hatte, da ich heute flog. Zugleich war es aber sehr kalt, ich schätzte die Temperatur auf unter 0, und der Wind brachte natürlich das Empfinden der Temperatur noch weiter unter 0.
Ich stand vor der MIG, Fabrice machte einige Fotos und ich beobachtete weiter die Startvorbereitungen. Ein Techniker kam zu mir und drückte mir einen Patch in die Hand. "Das ist das Zeichen unserer Einheit." meinte er zu mir in gebrochenem Deutsch. Er war 7 Jahre lang in der DDR bei einer damals sowjetischen MIG 25 Einheit stationiert gewesen und ich bedankte mich für den Patch.
Das Film-Team stand nun vor seiner grössten Aufgabe. Wir hatten vorher dutzendfach durchgesprochen, das einige Kameras im Cockpit installiert werden müssten, und das dies einige Zeit in Anspruch nehmen würde. Als ich Johann mit einem Techniker dann sah, als die beiden die Kameras installierten, wurde ich überrascht: Entgegen der Annahme, ich würde hinten sitzen, saß ich doch tatsächlich vorne! Damit hätte ich nicht gerechnet und musste kurz über das Gefühl nachdenken, was sich in mir breit machte. Mein Pilot Sasha würde halbhoch hinter mir sitzen in seinem eigenen Cockpit, und wir hatten keinen physikalischen Kontakt. „Das kann ja heiter werden!“ dachte ich. Zum ersten Mal während diesen Tagen machte sich eine, wenn auch kleine Anspannung in mir breit.
Hier zu stehen auf dem Vorfeld war gleichzusetzen mit dem Gefühl was man wohl hat, wenn man als Kosmonaut mit seinem Sokol-Raumanzug in Richtung Fahrstuhl ging, der einen an die Spitze der Soyuz-Rakete brachte um dann einzusteigen. Diese Momente die ich auf dem Vorfeld stand waren absolut gleichwertig. Eine Soyuz befördert eine Besatzung aus maximal drei Personen in einen Orbit um die Erde, um anschließend mit dem Soyuz-Raumschiff an die Internationale Raumstation ISS anzudocken. Die MIG- 25 würde mich nicht so hoch bringen, jedoch in die Höhen, die das technisch machbare beschrieben.
Ich musste darüber nachdenken. Vor 4 oder 5 Jahren hätte ich es mir nicht zu träumen gewagt, einen solchen Schritt zu machen. Ich hatte in den letzten Jahren viele Trainings absolviert, das mental anstrengendste Training war wohl das Sea Survival Training for Cosmonauts in Sochi am schwarzen Meer, aber dieser Flug mit meiner 'russischen Lady' würde wohl auch für Außenstehende das Bildgewaltigste sein, was ich bisher gemacht hatte. Ich beobachtete Johann, der mit dem Bodentechniker die Kameras justierte. 3 Kameras wurden fest installiert: eine nach vorne aus dem Cockpit heraus, eine direkt auf mich gerichtet und eine links neben dem Schleudersitz in Flugrichtung.
Attila diskutierte mit mir. Er bat mich, noch eine Handkamera mit zu nehmen. Ich meinte, das wäre mir zuviel. Das Cockpit sei sowieso schon eng genug, und ich dachte das ich meine beiden freien Hände noch brauchen würde. Er lies jedoch nicht locker, jedoch versuchte ich diesen Wunsch so lange abzublocken, wie es nur gehen würde.
Sergei, die rechte Hand meines Freundes Igor begleitete mich um den Jet herum und machte einige Aufnahmen, auch hinten bei den beiden riesigen Jetturbinen. Ich schaute verwundert hinein in diese Öffnungen. Für einen Laien sind nur einige Details zu erkennen, aber die Brennkammern der beiden Triebwerke sind riesig groß!.
Eine Stunde später wurde ich von hinten angetippt. Der Bodentechniker, der gebrochen Deutsch sprach meinte: „Okay, nun bist Du dran.“ Die Zeit bis zu diesem Moment war sehr schnell vergangen, ich kann Ihnen nicht sagen, was in dieser Stunde alles in mir vorgegangen ist. Er führte mich zur gelben Leiter, die Stufen hinauf und eine halbe Minute später saß ich in dem Cockpit. 'Hart, aber herzlich' dachte ich und versuchte alle Eindrücke in meinen Kopf zu bekommen. Die Sonne schien noch heller zu strahlen als zuvor, und ich wurde wie ein Versuchskaninchen an meinem Schleudersitz festgeschnallt. Ich kann Ihnen sagen, viel Freiheit hat man in einem solchen Cockpit nicht, obwohl es eigentlich angenehmer war hier oben zu sitzen, als einige Jahre zuvor in der Kommandokapsel des Soyuz-Raumschiffs, welches durchaus für 3 Personen als sehr eng bezeichnet werden kann.
Der Techniker, Vassili war sein Name, nahm sich alle Zeit, die notwendig war, mich in diesem Cockpit abzusichern. Sitzgurte wurden festgezogen, so das ich zunächst das Gefühl hatte, gerade noch so atmen zu können. Ein Gefühl der Enge machte sich breit, und das war auch der einzige Moment während dieser Tage, wo ich mich nicht allzuwohl fühlte. Irgendwie dachte ich, wenn nun noch das Cockpit geschlossen würde, würde es mir zu eng. Mein Pulsschlag steigerte sich, aber ich beruhigte mich schnell wieder. Es war halt die Berührung mit etwas vollkommen Neuem, was ich bis dahin noch nicht kannte.
Vassili zog hier an Bändchen und da an Bändern. Sicherte hier Haken und dort. Ich lies ihn gewähren. Ich fühlte mich unter seiner Obhut sicher und er gab mir ein absolutes Gefühl der Sicherheit. Dann verschwand er von der Leiter und sich saß kurz alleine im Cockpit, wollte gerade ein Foto machen, als neben mir Sasha auftauchte. Ich hätte ihn in seiner Pilotenmontur mit Helm fast gar nicht erkannt.