Der Dämon ruft
Ich filmte was das Zeug hielt. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, den besten Film abzuliefern, der jemals aus einem Cockpit eines Jets heraus gemacht worden ist. Ich hörte ein Piepen in meinem Interkom. Piep - Piep - Piep machte es andauern und ich dachte, es würde sich um eine Störung handeln. Ich wollte schon Sasha bescheid geben, da fiel mir dann ein, was es war. Das VFOR Signal. Wir überflogen die äußere Markierungsmarke des Flughafens. Also gab mein Verstand wieder Entwarnung und ich nahm den Finger vom Interkomknopf und ließ Sasha in Ruhe. Auch wenn er nicht in meinem Cockpit saß, spürte ich seine Gegenwart. Und das bereitete mir ein unglaublich sicheres Gefühl.
Die Welt unter mir wurde kleiner. Ich blickte nach allen Seiten aus dem Cockpit und erblickte die Winterlandschaft von oben, die ich noch einige Minuten zuvor nur vom Boden gesehen hatte. Das Weis wurde zu größeren Flächen, ich sah die Wälder die den Flughafen umgaben und andere Städte in der Umgebung. Ich dachte kurz an den Kartenausschnitt, den Sasha mir beim Briefing gezeigt hatte und konnte mir ungefähr vorstellen, wo wir uns befanden. Der Entfernungsmesser, der die zurückgelegte Entfernung vom Flughafen anzeigte ging stetig nach oben, und ehe ich mir versah, waren wir schon 65 Kilometer vom Flughafen weg.
Sasha flog eine kleine Linkskurve und ich bemerkte von jetzt auf gleich, das ich schwerer wurde. Mein G-Force Meter schlug aus, über 2.5 G, und ich dachte an meinen Ritt in der Zentrifuge im vorigen Jahr im September. Gut, das Du dieses Gefühl schon einmal erlebt hattest, dachte ich. Ich hob die Handkamera hoch und filmte irgendwas im Cockpit. Die Kamera wog am Boden ungefähr 1.2 Kilo, nun hatte Sie halt knapp 3 Kilo, das Gewicht meines Arms logischerweise nicht mit gerechnet.
Sasha´s Stimme ertönte in meinen Ohren. "Hi, Andreas. I will inform you, that we will go now on 6.000 meters. Than, we will blast through the soundbarrier. Look onto your MACH instrument!" Ich richtete die Kamera auf den Mach-Meter. Zur Zeit stand er auf ungefähr Mach 0.7 und er bewegte sich langsam gegen die 1. Chuck Yeager kam mir wieder in den Sinn. Was war es damals anstrengend gewesen, die Schallmauer - also sprich Mach 1 zu erreichen!
Sasha ließ unsere russische Lady langsam aber stetig steigen und ich beobachtete den Höhenmesser, als er bei etwas über 18.000 Fuß stehen blieb. Nun musste er kommen, der Flug durch die Schallmauer. Ehrlich gesagt, wusste ich nicht, wie sich das für uns innerhalb des Jets anfühlen würde. Ich dachte an den Dämon, der da oben lebte. Er reizte uns und fauchte Gift und Galle.
Ich richtete die Kamera wieder auf den Mach-Meter, und dann bemerkte ich kurz, wie eine Wolke, die binnen unter einer Sekunde entstand, sich von der Spitze der MIG nach hinten vorarbeitete und dann verschwand. Irritiert durch dieses Ereignis blickte ich auf den Mach-Meter, er zeigt Mach 1.2 an. „Das war’s dann, Andreas“ - dachte ich. „Du fliegst jetzt schneller als der Schall, hast nichts mitbekommen außer diesem ‚Nebel’ außen und hast dem Dämon das Fürchten gelehrt! Ha, der Dämon war also besiegt, aber es gibt ja noch mehr Dämonen bei Mach 2 und bei Mach 3.“
Zur Erklärung: dieser Nebel entstand dadurch, das wir in diesem Moment durch feuchtere Luftschichten flogen als zuvor. Die Luft um uns herum bildete vor der Schallmauer Schockwellen, die sich im normalen Winkel von der Jet-Spitze ausbreiteten. Als wir uns der Schallmauer näherten, konnte die Luft nicht mehr ausweichen und die Feuchtigkeit wurde sichtbar. Durchfliegt man trockenere Luftschichten, sieht man nichts mit bloßem Auge.
So flogen wir dahin einige Minuten. Sasha steuerte die MIG ganz ruhig und ich blickte nach unten zum Boden. Von der Geschwindigkeit bekam man nicht allzu viel mit, dieses Gefühl kennen Sie bestimmt auch, wenn Sie aus dem Fenster eines Linienfliegers blicken. Die Erde unter uns bewegte sich, ich versuchte Wolken zu erkennen, sah aber definitiv keine. Ich ließ meinen Blick nach oben gleiten. Über uns auch keine Wolken zu sehen.
Sasha meldete sich wieder via Interkom.
"Andreas, now we will begin with the ascent!" sagte er. "But, before, I will show you a role to the right!" Mein Körper spannte sich an, aber bevor ich noch darüber nachdenken konnte, drehte er die MIG in einer 360 Grad Drehung um die eigene Achse, jedoch über die linke Schulter. Die Welt um mich herum drehte sich, der Himmel war kurz unten, und dann lag die MIG jedoch wieder in normaler axilarer Position.
"A short joke!" meinte Sasha. "I know in real, where is right and left!"
Ich musste kurz lachen und so flogen wir dahin, lachend im Himmel, irgendwo über Russland.
Es ist komisch zu erklären, aber ich hatte das Gefühl, das mich eine Stimme rief. „Andreas! Du kannst jetzt kommen. Komm hoch.“
Sicherlich ist das Einbildung gewesen, ich fühlte mich Herr meiner Sinne auch wenn ich mittlerweile mit Mach 1.8 flog.
"Okay. Now we will begin with ascent!" höre ich Sasha sagen und er zog die Nase der MIG höher und legte sie links in eine lange Kurve. Der G-Force-Meter sprang auf die 3 und blieb dann dort auch lange Zeit stehen.