Noch höher hinauf
Sasha sagte zu mir über das Interkom: „Okay, Andreas. Weather Conditions are very good. Outside temperature is minus 87 Degrees. I think, we can go a little bit higher!"
'Oh my god' hörte ich mich selber sagen. Die Stimme hatte wahrscheinlich auch Sasha´s Ohren erreicht. Kurze Zeit später legte er die Maschine wieder links in eine Kurve und zog die Nase hoch. Die G-Kräfte schossen wieder auf uns hinein, der G-Force-Meter bewegte sich wieder in Richtung 4 und überstieg dieses Wert noch ein wenig. So an die 4.3 G werden es wohl gewesen sein, jedoch war mir dies in diesem Moment vollkommen egal. Ich fühlte mich gut. Die Kamera lag wie ein Stein auf meinem rechten Oberschenkel, ich wusste, das sie diesen Moment auf Digi-Band festhalten würde.
Der Höhenmesser wurde wieder aktiv. Der äußere Zeiger begann wieder zu rotieren, und die Zahlen gingen weiter in die Höhe.
27.000 Meter.
Ich blickte hinaus und die Erde erschien kleiner zu werden. Natürlich ist das nicht der Fall, die Höhe ändert sich, die Erde ist viel zu groß, als das man dies tatsächlich bemerken würde. Ich blickte nach oben, jedoch musste ich keine Verrenkungen machen, weil Sasha die Nase der MIG in die Höhe hielt. Ich sah, das sich die blauen Schlieren über uns manchesmal verdichteten, und manchesmal verschwanden. Sterne funkelten und blitzten.
29.000 Meter.
Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Die Stimme in meinem Kopf meinte weiter zu mir: "So ist richtig. Immer höher hinauf" und mir fiel ein Song von van Halen aus den 80er Jahren ein: ‚Higher and Higher and up again’.
Ich versuchte in meinen Gedanken das Bild entstehen zu lassen, wie sich die MIG wohl einem Beobachter von außen darstellte. Ein grauer Jet, dessen einzige Farben der Rote Stern der russischen Luftwaffe auf dem Seitenruder war und zwei kleine weiße Punkte, welche unsere Helme darstellten. Irgendwie hatte ich das Gefühl, meinen Körper zu verlassen und neben der MIG in unserem Aufstieg mitzurasen.
Ich blickte auf den Mach-Meter. Die drei war überschritten. Bei Mach 3.2 blieb die Nadel hängen und ich bemerkte das sie eigentlich noch mehr wollte, die russische Lady. Aber Sasha ist ein sehr erfahrener Pilot, er wusste ganz genau, was er tat und brachte uns in keiner einzigen Sekunde in Gefahr.
Ich blickte weiter aus dem Fenster. Die Erde schrumpfte und ich bemerkte, das ich die Oberfläche der Erde sehen konnte, wie sie verschwand. So muss man die Erde sehen, wenn man mit einem Raumschiff seine Heimat verlässt vom Kosmodrom in Baikonur in Kasachstan oder von Florida aus.
Nach einigen Minuten zog Sasha die Nase wieder in normale Position. Der Höhenmesser zeigte 32.000 Meter. Haargenau. Kein Meter weniger und auch kein Meter mehr.
Der Mach-Meter zeigte Mach 3.2. Will heissen: die russische Lady, ihr Pilot Sasha und der Reisende Andreas bewegten sich in dieser Minute mit 3.600 Stundenkilometern fort! In diesem Moment betrug unsere kinetische Energie die von 90 Reisebussen a 20 Tonnen, die sich mit einer Geschwindigkeit von 40 Stundenkilometern zur gleichen Zeit auf eine Wand zubewegen und alle auf einmal auf einen Punkt eines Zentimeters aufprallen.