T minus 5 Stunden
Nachdem ich mir am nächsten Morgen kurz nach 6 eine erfrischende Dusche gegönnt hatte und meinen Flightdress anlegte, merkte ich die erste richtige Anspannung. Ich dachte darüber nach, ob ich die Belastung während des Fluges aushalten würde. Bilder des Films ‚Der Stoff aus dem die Helden sind’ kamen mir in den Sinn. Aber ich verwarf die Bilder und versuchte mich auf den Tag vorzubereiten. Ich fühlte mich sehr gut und kam mir teilweise auch gar nicht so vor, als würde ich eines der interessantesten Abenteuer vor mir haben, von dem viele nur träumten.
Das erste Problem des Tages ließ nicht lange auf sich warten: Attila war richtig krank. Er hatte knapp 40 Grad Fieber und sah aus, als würde er jeden Moment umkippen. Wir saßen bei Floh im Zimmer und tranken Kaffee, und versuchten Attila mit Aspirin und Co. wieder aufzupeppen. Für ihn war es nicht so toll, musste er doch definitiv bei dem Dreh dabei sein. Er war der Autor, er hatte seine Geschichte im Kopf, die ich auch nur bruchstückhaft kannte. Sergei, Igors recht Hand wurde involviert, und er telefonierte kurz, um ‚anti-flu’ von seiner Frau zu bekommen. Danach wurden die Kisten gepackt und wir beluden den Bus. Gegen 8 Uhr setzten wir uns in Bewegung und verließen Star City.
Die Winterlandschaft nahm mich nun in ihren Bann. Am Abend vorher war alles dunkel, nun sah man die wahren Ausmaße des ‚Burans’: Meterhohe Schneeschichten türmten sich neben den Strassen, und die Menschen gingen, egal auch welcher Arbeit nach; warteten auf den Bus oder gingen zur Arbeit. 5.000 Menschen leben in Star City, und jeder von ihnen hat seine Aufgabe im Raumfahrtprogramm Russlands. Ein normaler Arbeiter verdient pro Monat im Schnitt 90 Euro, unvorstellbar für einen Mitteleuropäer. Ein Russischer Kosmonaut verdient ungefähr 450 Dollar im Monat, je nachdem wie viele Flüge er hinter sich hat, kann es auch etwas mehr sein, jedoch mehr als 600 Dollar verdient kaum jemand. Die Lebenshaltungskosten sind in Star City jedoch an die Gehälter angepasst und im Gegensatz zu Moskau wahrlich günstig.
Die Busfahrt erwies sich als Survival-Training. Unser Weg führte von Star City in Richtung Moskau. Während der Fahrt unterhielt ich mich mit dem Team über alle möglichen Dinge, und in den Vorstädten von Moskau huschten die typisch stalinistischen Plattenbauten an mir vorbei. Die Fahrt schien endlos zu werden, und ab und an nickte ich auch auf meinem Sitz ein. Noch drei Stunden bis zum Dämon, dachte ich.
Nach zwei Stunden Fahrt mit dem Bus erreichten wir unser Ziel, die Ramenskoe Basis. Hier sind teilweise einige Luftwaffenregimenter der Russischen Föderation stationiert als auch die ‚Fighter-School of Russia’, vergleichbar mit ‚Top Gun’ in den USA. Wir mussten warten, und wieder ging eine halbe Stunde vorbei. Es war mittlerweile halb elf geworden, und mein Dämon meldete sich in mir: „Innerhalb der nächsten Stunden werden wir uns begegnen, Andreas.“
Valeria, unser Guide für die Basis erreichte uns, und nach kurzem Check an der Wache durften wir das Tor passieren und fuhren auf Eisschollen daher. Ich kam mir eher vor wie in der Antarktis. Zentimeterhohe Eisplatten waren auf den Strassen innerhalb der Basis miteinander verschmolzen, und unser Bus humpelte über sie hinweg, rutschte und wackelte. Vor einem Gebäude hielten wir an. Ich hatte kaum Zeit, um meine neue Umgebung zu inspizieren, da kam auch schon Johann und meinte, von nun an würde seine Kamera mich überall hin begleiten. Also musste der Film begonnen werden. Alles auf Anfang! Ruhe bitte! Kamera ab! Ton ab! Klappe 1 die Erste: Bergweiler betrat die ‚Fighter School of Russia’.