Parabelflugtraining - oder wie überwinde ich 38 Jahre Schwerkraft!
Nach fast zwei Jahren "Abstinenz" vom Kosmonautentraining beginne ich mit meiner Reise erneut am 03.09.2003 indem ich mit der Lufthansa wieder nach Moskau fliege.
Als ich im Flugzeug sitze, habe ich die Gedanken im Kopf, die ich damals am 12.09.2001 hatte, als ich zu meinem ersten Abenteuer aufbrach, dem "Sea Survival Training for Cosmonauts".
Damals war es die erste Reise in Richtung Moskau, mittlerweile ist es die dritte. Anfang Juni diesen Jahres war ich auch über Pfingsten in Moskau, um einige vorbereitende Dinge zu klären für den Parabelflug und habe einige Gespräche mit Igor Rudyaev, dem Foreign Economic Deputy von Star City führen können. Im Laufe der Zeit ist Igor ein sehr guter Freund geworden, den ich sehr gern mag. Im Juli 2002 war er auf einem Kurzbesuch in Deutschland und besuchte mich in Waldesch, und dieser Besuch hat unsere Freundschaft vertiefen können, als er meine gesamte Familie kennenlernte während einer Geburtstagsfeier. Wir saßen bis halb 6 Uhr morgens auf der Terasse und fachsimpelten. Wie ich diesen Abend überstehen konnte, weiss ich heute nicht mehr, hatte er doch nachmittags bei seiner Ankunft eine gute Flasche russischen Wodkas als Gastgeschenk mitgebracht, die wir in zwei Stunden leerten. Normalerweise wollte er wieder zu seinem Hotel in Frankfurt fahren abends, jedoch war das auch gesundheitlichen Gründen nicht möglich.
Am Abend des 03.09. bekommt die Gruppe, mit der ich auf den Parabelflug gehe, einen kurzen medizinischen Check-Up und die mitgebrachten medizinischen Atteste werden durch den Medical-Service überprüft. Für einen Parabelflug sollte man sich in einem normalen körperlichen Gesundheitszustand befinden. Bluthochdruck und erhöhter Pulsschlag sind nicht lebensbedrohlich wenn sie nicht einen Wert von 160/100 RR übersteigen, höher sollten sie jedoch nicht sein. Auch ist erforderlich, das eine gründliche ärtzliche Voruntersuchung in Deutschland erfolgt ist, wo auch psychische Erkrankungen ausgeschlossen werden, wie z.B. Schizophrenie und Klaustrophobie. Stellen Sie sich einmal vor, wenn sie es in einem Fahrstuhl schon nicht aushalten, wie Sie sich an Bord einer Illyushin fühlen, die keine Fenster hat und sie wissen nicht genau, wo Sie sich befinden!
Nach dem medizinischen Check bekommen wir eine Einweisung, was ein Parabelflug bedeutet. Eine Videopräsentation zeigt eindrucksvolle Bilder von vorangegangenen Parabelflügen. Ich staune, als ich ein sehr bekanntes Gesicht aus der Formel 1 auf dem Bildschirm sehe, David Coulthard dreht sich in der Illyushin um seine eigene Achse, Einstellungen später wird gezeigt, wie er in seinem Silberpfeil sitzt und dieser sich während der Parabel in Schwerelosigkeit versucht, selbstständig zu machen, wäre er nicht mit Seilen so arretiert, das er nicht bis an die Decke schweben kann!
Bilder des Cosmonautentrainings werden gezeigt, und einige Mitglieder der Gruppe sitzen dort in der Runde im dunklen Raum mit offenem Mund. Winter-Training, Water-Survival Training, Desert-Training, Jet-Training und Mission Training. Die russische Raumfahrt hat sich im Laufe der letzten Jahre an die neuen internationalen Gepflogenheiten der Kosmonautik angepasst: inhaltlich wird noch das selbe Training vollzogen wie in den 70er Jahren, wenn auch mit modernerer Technik. Jedoch befinden sich mittlerweile internationale Astronauten in Star City, die die zukünftigen Besatzungen der Internationalen Raumstation bilden werden, oder auch auf zukünftigen Shuttlemissionen Module andocken werden.
Nach der Videopräsentation stellt sich der Leiter des Parabelflugteams vor, sein Name ist Boris. Er ist der Chefinstruktor, und er erläutert in knappen Worten, welche Sicherheitsbedingungen vor, während und nach dem Flug eingehalten werden müssen. Ein anderer Instruktor erklärt das Verhalten während der Schwerelosigkeit und ich fühle mich sofort wieder zurückversetzt in mein Training in Sochi. Wenn man solche einen Weg beschreitet wie ich ihn versuche zu gehen, muss man lernen, seinen Kopf frei zu bekommen und die "Angst" zu unterdrücken. Man muss sich gehen lassen können, denn die Instruktoren verlangen viel von einem. Man muss wissen, warum man nach rechts gehen muss, wenn sie sagen: "Geh nach rechts!". Eine gute Teambereitschaft ist schon mal eine angenehme Ausgangssituation, wenn man sich anschickt, zu den Sternen aufbrechen zu wollen!
Der Chefmediziner des Parabelflugtrainings betritt den Raum und erklärt ungefähr eine viertel Stunde lang die medizinischen Auswirkungen des Parabelflugs. Als sehr unangenehm wird von den meisten Teilnehmern der Steigflug empfunden: wenn die Maschine sich auf einer Flughöhe von 6.000 Meter befindet, und sie mit ihrem Steigflug beginnt: im 45 Grad Winkel steigt sie mit Vollgas in Richtung der 10.000 Meter Marke. Durch die Beschleunigung wird an Bord alles zweimal schwerer! Wiegen sie z.B. auf dem Boden der Tatsachen 80 KG, so wiegen Sie während des Steigfluges 160 KG!
Ich kann mir dieses Gefühl schwer vorstellen an diesem Abend. Sicherlich kenne ich diese Gefühle vom Achterbahnfahren wie viele andere auch, nur ist es eben nicht so wie auf der Achterbahn. Während sich bei der Achterbahn sämtliche Effekte nur innerhalb von wenigen Sekunden abspielen, dauert der Steigflug in Richtung Parabel mehrere Minuten.
Ich bin müde und blicke auf die Uhr. Ein sehr langer Tag neigt sich seinem Ende entgegen. Alle sind müde und wollen nur noch ins Bett. Der Arzt sagt, das es besser ist nicht mehr als 8 Stunden Schlaf vor einem Parabelflug zu haben und nicht weniger als 6 Stunden. Ich blicke auf meine Uhr und sehe, das ich gerade noch 7 Stunden schaffen könnte, wenn ich mich anstrenge.
Eine Stunde später liege ich im Hotelzimmer auf dem Bett und in meinem Kopf befinden sich sehr viele Gedanken über Kosmonauten und Training. Einerseits bin ich müde, andererseits bin ich total aufgekratzt in Erwartung des Parabelfluges am nächsten Morgen. Irgendwann gegen 1 Uhr morgens schlafe ich ein, und ich träume vom Fliegen ...