04.09.2003 - What goes up, must come down!

Gegen 7 Uhr rappelt mein Handy und ich nehme eine lange warme Dusche. Das Wetter in Russland sieht ganz gut aus, als ich aus dem Fenster blicke. Kein Wölkchen ist am Himmel zu sehen und es sieht so aus, als würde es ein hervorragender Tag werden. Nach der Dusche lege ich meinen Flightdress an, einen selbstbesorgten Original US-Navy-Fighter Overall, ein seltenes Stück Stoff in Deutschland. Er ist feuerresistent, jedoch sehr angenehm zu tragen. Es ist die Sommerausführung, im Winter würde ich mir in ihm wohl den Hintern abfrieren.

Nachdem ich meine persönlichen Dinge geregelt habe, treffe ich mich mit der Gruppe und ein Bus bringt uns zur Einfahrt von Star City, wo schon die Crew der Illyushin 76 MDK auf uns wartet. Von weitem erkenne ich schon Igor, es freut mich das er da ist.

Nach einer kurzen Begrüssung ziehen die ersten "Wölkchen" am Himmel auf und ich beginne zu "beten", das das Wetter halten sollte. Denn es wäre sehr fatal, wenn der Parabelflug wegen einem Wetterproblem nicht statt finden könnte. Nebenbei bemerkt gibt es nur drei Möglichkeiten, das ein Parabelflug nicht starten kann: entweder technische Defekte am Flugzeug, Wetterprobleme oder gesundheitliche Probleme. Ich erfahre an diesem Morgen, das es in der 35-jährigen Geschichte der russischen Raumfahrt nur sehr selten vorgekommen ist, das ein Parabelflug nicht gestartet worden ist, oder während dem Flug abgebrochen worden ist.

Nach einem kurzen Smalltalk mit Boris und Igor sitze ich im Bus, der uns zum nahegelegenen militärischen Flugplatz bringt. Nach einer kurzen Einlasskontrolle bewegt sich der Bus über das Flugfeld, und ich bemerke sehr viele Flugzeuge auf den Rollfeldern stehen: Antonov´s AH 124, Illyushin 86, mehrere Turbopropflugzeuge. Nach 5 Minuten weiterer Fahrt hält der Bus an und wir steigen aus. Vor uns, die Illyusin 76 MDK. Sie ist ein Spezialflugzeug, und eignet sich sowohl für Parabelflüge mit "lebenden Objekten" als auch für Laborflüge, in denen das Verhalten von Flüssigkeiten oder Kristallen oder anderen Materialien überprüft werden kann.

Ich betrachte mir die Maschine. Sie sieht sehr gut in Schuss aus. Von der russischen Technik ist der Westen nicht immer begeistert, einige russische Maschinen sind in Europa erst gar nicht zugelassen, entweder aus Lautstärkegründen, aus Emissionsgründen oder aus technischen Gründen. Ich gehe um die Maschine herum, mache einige Fotos und betrachte mir das Fahrwerk. Das Profil sieht recht gut aus, denke ich, dann bekommen wir den Befehl, uns ins Innere des Flugzeugs zu begeben.

Als ich in die Maschine komme, bin ich überrascht, so gross sieht sie von aussen gar nicht aus. Ein ungefähr 20 - 30 Meter langer Innenraum zeigt sich, ca. 5 Meter breit, 4 Meter hoch. Er ist gut ausgepolstert am Boden und der Decke, direkt hinter dem Eingang befindet sich das Kommandopult der Instruktoren. Hier werden medizinische Daten erfasst als auch die Bewegungen und Übungen koordiniert. Ich sehe einen russischen Offizier mit der berühmten grossen Schirmmütze. Irgendwie kommt mir der Offizier bekannt vor, dann erkenne ich ihn: Es war mein "Chefarzt" während des Überlebenstrainings in Sochi. Ich begrüsse ihn, er erkennt mich und wir geben uns die Hand. Leider habe ich seinen Namen vergessen, später erfahre ich, das er auch Juri heisst! Ich kenne mittlerweile soviele Juris, das ich sie manchmal gar nicht auseinanderhalten kann.

Wieder heisst es, kurzer medizinischer Check. Blutdruck und Puls werden gemessen, und der Arzt fragt nach meinem Wohlbefinden. Mein Blutdruck ist an diesem Morgen mehr als in Ordnung, und ich fühle mich sehr gut. Nachdem der Routinecheck vollzogen ist, schaue ich mir die Maschine etwas genauer an. Die Illyushin ist ein Transportflugzeug, ich erkenne den Hubkran, an dem steht 2.800 Kilogramm. Ich gehe in Richtung Cockpit, komme aber nicht weit, weil ich von einem Besatzungsmitglied nicht durchgelassen werde. Okay, denke ich, ich bin an Bord eines Militärflugzeugs und habe dafür Verständnis.

Dann beginnt wieder die Sicherheitsbelehrung und man legt uns Fallschirme an! Fallschirme werden Sie fragen? Habe ich mich zunächst auch gefragt, aber es ist aus Sicherheitsgründen erforderlich, das während der Startphase Fallschirme zu tragen sind. Die Instruktoren zeigen sich geduldig, für jede Körpergrösse gibt es einen speziellen Fallschirm. Ich bin bisher einmal in meinem Leben Tandem gesprungen, ein einmaliges Erlebnis und fühle mich in diese Zeit zurückversetzt. Nur war damals jemand dabei, der wusste, was zu tun ist.

Nach einer halben Stunde Belehrung und Einweisung in die Sicherheitsmassnahmen an Bord, sitzen wir alle auf dem Boden. Bei der ersten Parabel wird empohlen, sich an einer Stange festzuhalten, um den Körper genügend Zeit zu lassen, sich in seiner Umgebung zurecht zu finden. Einige aus der Gruppe denken wohl nicht daran, was ich schon an den Gesichtern erkennen kann. Da ich weiss, warum Instruktoren sagen, man solle sich festhalten, denke ich nicht weiter darüber nach und tue es ganz einfach!

Nach 20 Minuten beginnt startet der Pilot die 4 Düsentriebwerke, es wird laut an Bord und man kann sich nur mit Schreien verständigen. Ich bemerke eine innere Aufregung. Nichts nervöses, ich bin gespannt auf das Gefühl der Schwerelosigkeit und kann es kaum erwarten. Neben mir sitzen Johan und Steven, zwei Jungs aus Schweden. Zu den beiden komme ich noch ausführlich später!