Take Off!
Die Maschine scheint ewig über das Rollfeld zu fahren, und man bekommt nicht richtig mit, das man sich auf einmal in die Luft erhebt. Die Maschine ist binnen Minuten auf ihrem vorgeschriebenen Kurs. Da sie keine Fenster im Innenraum besitzt, ist eine Orientierung nicht richtig möglich. Ich besitze ein ausgezeichnetes Orientierungsvermögen und bemerke die Flugbewegungen der Illyushin. 20 Minuten benötigt sie zum steigen und irgendwann bemerke ich, das wir unsere Flughöhe von 20 Minuten erreicht haben. Das Warten beginnt.
Boris lächelt und macht seine Scherze. Ich vergaß noch etwas zu erwähnen: ein guter Bekannter sendete mir vor meiner Reise nach Russland original Kotztüten der British-Airways mit der Aufforderung, sie nach der Benutzung vorne bei den Piloten abzugeben, schliesslich sind diese auch Schuld an einem "etwaigen" Desaster, wenn man seinen Mageninhalt begutachten kann! Die Instruktoren tragen "Mülltüten" bei sich. Gottseidank sind diese nicht durchsichtig, denke ich und Boris macht seine Scherze. Er meint, das Entgeld zur Benutzung eines "Kotzbeutels" beträgt 5 Dollar! Geschäftiges Völkchen, diese Russen!
Während meiner Überlegungen bemerke ich urplötzlich, das ich schwerer werde und meine Beine kaum bewegen kann. Die Gruppe verfällt in Aufregung und jeder hat bemerkt, das die Maschine sich anschickt, die erste Parabel im 45 Grad Steigwinkel zu nehmen. Urpllötzlich springt Boris in die Höhe und greift an die 4 Meter hoch gelegene Decke des Flugzeuges. Ich sehe dies und denke: Das ist es, die Schwerelosigkeit beginnt. Ich drücke mich mit den Füssen von dem weichgepolsterten Boden ab, aber falle schnell wieder auf den Boden! Nichts mit Schwerelosigkeit und bemerke, das Boris sich schon lange wieder auf dem Boden der Tatsachen befindet! Verwunderung macht sich breit, habe ich die Schwerelosigkeit verschlafen?
Erst später erfahre ich: professionelle und ausgebildete Piloten, die Parabeln fliegen dürfen, können kurz vor der Schwerelosigkeit einen Zustand von 0.6 G bewirken. 0.6 G haben Sie bestimmt schon eimal gehört? Richtig: dies ist die Schwere, die Sie auf der Mondoberfläche erleben können. Sie erinnern sich bestimmt an die Bilder der Apollo-Astronauten, als sie auf dem Mond rumgehüpft sind: genau diese Bewegung habe ich bei Boris gesehen, ein schnelles zur Decke fliegen, und ein langsames zum Boden zurückkehren!
Noch in meinen Gedanken an die Apollo-Astronauten werde ich von einer Sekunde auf die andere von der Schwerelosigkeit überrascht: Ich bemerke, wie sich die Schwerelosigkeit vom Heck des Flugzeuges aus ausbreitet, ich sitze ungefähr in der Mitte. Meine Füsse, vor mir - bewegen sich urplötzlich in Richtung Decke. Festhalten, denke ich, nur nicht loslassen, und mein Verstand siegt! Ich drehe mich auf den Kopf, die Füsse stehen an der Decke. Ich sehe meine schwedischen Kollegen, wie sie sich um die eigene senkrechte Achse drehen wie in einem Karusell und ein Instruktor führt behutsam Ihre Hände zurück zur Haltestange. Mein Geist bekommt nicht richtig mit, das ich nach 38 Jahren zum ersten Mal schwerelos bin! Ich sehe die Welt mit anderen Augen und fühle mich sehr gut. Es ist, als würde mein Geist meinen Körper verlassen und mich selber bei dem Zustand der Schwerelosigkeit beobachten können.
Ein nun fast nicht zu beschreibendes Gefühl (Boris meint später in einer ruhigen Sekunde zu mir: "Zero-G is better than Sex!") bemächtigt sich mir, es ist fast ein metaphysisches Erlebnis. Tausende von Gedanken schiessen mir durch denk Kopf, ich denke komischerweise an Schwarze Löcher und deren Übergänge der Materie, "Event Horzion" genannt. Wie ich darauf komme, weiss ich nicht mehr. Ich bewege mich mit Muskelbewegungen wieder nach unten, dann wieder nach oben, immer die Stange festhaltend. Was um mich herum passiert, bekomme ich nur wie in einem Traum mit: ich sehe etwas, aber ich weiss nicht was.
Genauso schnell wie die Schwerelosigkeit begonnen hat, endet sie wieder. Im Flugzeug befindet sich eine Lampe, die anzeigt, wenn die Schwerelosigkeit dem Ende zugeht, und dann sollte man sich schleunigst wieder in Richtung "Boden" des Flugzeugs bewegen, auch wenn man zunächst nicht weiss, wo der Boden in Wirklichkeit ist. Die erste Parabel geht zu Ende und die Beschleunigungskräfte wachsen wieder auf 2 G an, welche aber durch meinen Geist nicht mehr so wahrgenommen wird als beim Aufstieg der Illyushin in die Parabel!
Das Ganze wird oft wiederholt, ich schwebe durch die Ilyushin wie ein Vogel. Freifliegend, um die eigene Achse drehend, an der Decke des Flugezeuges (mit Unterstützung eines Instruktors wohlgemerkt) entlangrollend. Ich gewöhne mich an die Schwerelosigkeit. Mir wird weder schlecht, noch bin ich euphorisch! Während der Parabeln manifestiert sich der Gedanke in mir, wie es ist, über einen längeren Zeitraum schwerelos zu sein. Ich bin auf einem Flug in mein inneres ich, und gehöre nun zu den Menschen auf der Welt, die seit 1961- sei es durch Parabelflüge oder durch Flüge in den Weltraum, den Verlust der Schwere auf diese Art erleben durften, und ich bin stolz auf mich selber. Hätte man mich vor drei Jahren gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte, hätte ich gesagt: Niemals. Wie soll ich nur so ein Ziel erreichen?
Und nun habe ich die Schwerelosigkeit erlebt. Ein schwer zu beschreibendes Gefühl. Man muss es selbst erlebt haben, um es nur annähernd beschreiben zu können. Oder versuchen Sie mal die Gefühle beim Sex zu beschreiben mit Worten, wenn ich Boris zitieren darf!
Nach 1.5 Stunden kehren wir zum Militärflughafen zurück und landen sicher auf dem Rollfeld. Der ganze Flug geht wie in Minutenschnelle vorbei. Die Schwerelosigkeit dauert bei jeder Parabel nur ca. 25 bis 27 Sekunden. Hört sich nicht viel an, aber machen Sie mal folgenden Versuch. Blicken Sie auf Ihre Uhr und prüfen einmal selber nach, wie lange 27 Sekunden andauern können, eine halbe Ewigkeit für Sie, Millisekunden für mich in der Schwerelosigkeit!
Als ich aus dem Flugzeug steige und wieder "festen" Boden unter mir spüre, möchte ich am liebsten sofort wieder einsteigen und das Ganze nochmal erleben. Aber ich denke, es wird ein nächstes Mal geben! Unvorstellbar. Mir gehen Gedanken durch denk Kopf: Vor 6 Jahren baute ich meine erste eigene Homepage im Internet, die sich der Themen Raumfahrt und Astronomie angenommen hatte, weil es in der Zeit keine guten deutschsprachigen Homepages zu den Themen gab. Und 4 Jahre später durfte ich mit amerikanischen und russischen Raumfahrern trainieren, was es heisst, eine Sojus nach einer Notlandung zu verlassen und im Meer zu überleben. 6 Jahre später laufe ich an der Decke einer Illyushin entlang! Mein Weg manifestiert sich im Kopf: ich muss in den Weltraum. Muss dieses in meinem Leben zu meiner Erfahrung machen! Meine Seele besteht darauf! Und ich werde diese Erfahrung mit allen teilen!
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