16.09.2001 – Die Überwindung des Seins!
Der vierte Tag in Russland. Ich komme mir vor, als wäre ich schon Wochen hier. Nach einem ausgiebigen Frühstück gehen wir zum ersten Mal zu Fuß zum Strand, wo uns das Zubringerboot abholen soll. Das Meer ist ruhig, und heute geht das zum ersten Mal; die letzten Tage sind wir bekanntlich mit dem Bus zum Sochi-Hafen gefahren, wo das Schiff am Kai lag.
Nach einer halbstündigen Wartezeit fahren wir mit dem Zubringerboot zur SB-36, dem Vessel-Ship.
Mit meinem Instruktor Sascha, der nicht nur mein Commander ist, sondern mittlerweile ein guter Freund (ich bezeichne ihn als meinen Vater, meine Mutter, meine Schwester, meinen Bruder- weil er mir unglaublich in meinen Situationen an den Tagen zuvor unter die Arme gegriffen hat!) bilden wir die 3.Crew, die an diesem Morgen das Long-Term Training absolvieren soll.
Nach dem morgendlichen medizinischen Check-Up beginnt die Warterei, bis ich endlich meine Unterwäsche erhalte für den Sokol-Raumanzug. Vorher fachsimpeln Sascha und ich noch kurz in meiner Kabine miteinander, dann geht es in die Umkleidekabine, und ich ziehe den Sokol an. Heute fällt es mir schon wesentlich leichter, da ich die Handgriffe beherrsche. Der Instruktor ist mit dem Anlegen des Sokols sehr zufrieden. Mit der Zeit bekommt man ein Händchen für solche Fertigkeiten. Besonders das Ding über den Kopf zu ziehen ist einfacher als beim ersten Mal, auch wenn ich seitdem 3 Zentimeter kleiner geworden bin, so wie es scheint.
Nach gut 20 Minuten sind wir dann soweit vorbereitet. Ich fühle mich gut, aber ich schwitze sehr stark, der Tag ist sehr heiß. 10 Minuten später sitze ich mit Sascha in der Descent-Capsule und nach kurzer Zeit bemerken wir, dass wir mittels des Schiffskrans das Mutterschiff verlassen. Sanft wird die Kapsel zu Wasser gelassen, doch dann hängt sie schief im Wasser, was ich an den vorangegangenen Tagen schon beobachten konnte. Sie hängt nach meiner Seite schief im Wasser und ich sehe, als ich durch das Fenster blicke, dass sie dort unter Wasser liegt. Dies beängstigt mich jedoch nicht.
Es erfolgt ein Funkcheck, und wir werden 150 Meter mittels Schlauchbooten weggezogen. Motorboote würde die Kapsel zum Kentern bringen!
Dann beginnt die Warterei! Wir wissen nicht, wann der Befehl des Bergungsteams kommt, die Anzüge auszuziehen und uns in andere zu zwängen.
Es wird heißer in der Kapsel. Wir machen die Versorgungsschläuche vom Sokol ab, damit wir die Frischluft ins Gesicht bekommen.
Wir gehen nochmals das Prozedere durch, und irgendwann kommt der Befehl von Valerij auf russisch: Vorbereiten zum Verlassen der Kapsel.
Der Stress kann beginnen, das Ausziehen des Sokols in der Enge der Kapsel, nun zum zweiten Mal für mich. Aber es geht auch schon wie das Anlegen des Anzuges am Morgen - einfacher! Übung macht halt den Meister!
Jedoch ist es nicht einfach, weil der Schweiß die innere Gummihaut des Anzugs mit meiner Haut verschweißt wie UHU. Nach 10 Minuten ist der Anzug aus, und wir legen eine kleine Pause ein. Wiederum wird er in den Wannensitzen verstaut, so das man drauf sitzen kann. Ich merke, das mein Pulsschlag ansteigt, jedoch nicht so stark wie während des Dry-Training zwei Tage zuvor.
Dann folgt das Anlegen des Flight-Dresses. Das ist eine Art Hosenanzug, und er wird bis zur Hüfte hochgezogen. Im Gegensatz zum Dry-Training am Freitag (Oh mein Gott!) geht alles viel einfacher. Ich helfe Sascha wo ich nur kann, er muss mir nicht mehr soviel helfen; ich denke, ich bin aus dem „Babyalter“ herausgekommen. Dann folgt der Kälteschutz in der selbigen Art und Weise bis zur Hüfte: er ist aus leichten Stoffen, die jedoch im Extremfall sehr warm halten werden. Zwischendurch legen wir eine Pause ein, um uns zu erholen und uns gegenseitig mittels der Kühlschläuche Luft zuzuführen.
„Nimm Tabletten gegen Seekrankheit!“ sagt mir Ed Lou in meinem Kopf, und als ich so darüber nachdenke, bemerke ich ein „Unwohlsein“ in meinem Magen.
Oh, bitte nicht. Nicht jetzt und bitte nicht hier! Sascha bemerkt dies und gibt mir den „Kotzbeutel“ für den Notfall! Verdammt, warum habe ich heute morgen nicht zu den Docs gesagt, sie sollen mir was geben??
Nun habe ich den Salat.
Ich versuche langsamer zu atmen um mich ruhiger zu bekommen, was mir auch gelingt. Das flaue Gefühl im Magen ebbt ab und es kann weiter gehen. Ich hoffe, ich muss mich nicht übergeben. Zur Sicherheit stecke ich mir den Finger in den Hals, aber es bleibt alles dort, wo es ist. Die Kapsel wackelt ganz schön auf den Wellen und die Hitze steigt ins Unermessliche.
Nach dem Anlegen der verschiedenen Anzüge (der Mageninhalt bleibt da, wo er ist, obwohl es nicht einfach ist, ihn dortzubehalten!) folgt mein geliebter Forel Suit. Eine zweite Gummihaut die dann mittels Kopfhaube wie ein „Ganzkörperkondom“ am Körper liegt. Er garantiert das Überleben für 36 Stunden in 0 Grad kaltem Wasser, aber das erwähnte ich ja bereits!