16.09.2001 – Eine Wiedergeburt!

Danach legen wir das Floating-Device an, welches wir uns gegenseitig umschnallen. Nachdem der Sitz richtig überprüft worden ist, hängen wir mittels einer Leine unsere Survival-Packs an uns heran, genau dasselbe Prozedere wie beim Dry-Training. Nachdem der Sitz und die Dichtigkeit überprüft worden ist, öffnet Sascha die Luke der Kapsel; helles Licht flutet in sie hinein. Dann erfolgt der Ausstieg, ich soll zuerst aussteigen. Ich muss noch bemerken, das ich leider nur zwei linke Handschuhe in meinem Kit vorfand, welches die Bewegung meiner Hände doch schon sehr einschränkt.

Ich klettere hoch. Wow, frische Luft, die auch noch angenehm kühl ist, umringt mich. Ich sehe drei oder vier Schlauchboote um die Kapsel herum, und auf der Kapsel steht ein Arzt der Truppe und er fragt mich, ob alles okay ist. Normalerweise ist nur ein Arzt auf den Booten, an diesem Tage, wegen mir- zwei. Ist ja auch nicht zu verwundern. Sergej, der jüngere Arzt lacht mich an, als ich ihm zu verstehen gebe, dass bei mir alles okay ist. Ich spüre die Hitze an meinem Körper und ich weiß: Junge, noch eine Minute, und du liegst im Wasser!

Ich sitze auf der Öffnung, die Kapsel ist nach hinten zu meinem Rücken hin geneigt. Ich ziehe mein Survival-Kit aus der Kapsel, blicke mich über die rechte und linke Schulter um und schmeiße das Survival-Kit ins Wasser. Dann stehe ich auf. Die Knie angewinkelt und halte mich mit einer Hand an der Kapsel fest. Noch 10 Sekunden, denke ich bei mir, dann liegst Du im Wasser!

Dann lasse ich einfach los und falle rückwärts. Ich tauche ein in das Schwarze Meer. Uff, ist das eine Wohltat, und ich fühle mich wie neugeboren. So muss das Gefühl sein, wenn man auf die Welt kommt, denke ich einige Sekunden lang, und als ich flach auf dem Wasser liege gebe ich einen Freudenschrei von mir, egal, ob es jemanden stört.

Uff, ist das eine Wohltat. Die Hitze ist vergessen, mein Gesicht bekommt viel Wasser ab. Es platscht neben mir: Sascha hat die Kapsel ebenfalls verlassen. Ich treibe umringt von Booten und Tauchern auf dem Rücken im Schwarzen Meer und kann kaum etwas wegen der Sonne sehen. Ich fühle mich einfach nur toll! Trotzdem vergesse ich nicht, was ich hier mache: Ich mache einen Survival-Kurs! Also ziehe ich an der Leine meinen Survival-Kit heran, es ist der Wasservorrat.

Ich lege das Pack auf meine Brust und warte, bis sich Sascha genähert hat, und wir uns gegenüber liegen. Unsere Beine umschlingen sich, und wir beginnen, mit den Survival-Kits zu arbeiten. Zuerst zünden wir das Nacht- und Tagleuchtfeuer, trinken und essen. Das ist nicht so einfach, wie man es sich vorstellt: Man liegt auf der Wasseroberfläche und wird ganz schön durchgeschaukelt. Wasser schmeckt nach Salz und die Rationen auch. Aber Space-Chocolate im Schwarzen Meer ist ja auch mal etwas vollkommen Neues!



Nachdem wir gegessen und getrunken haben und den Survival-Kit eingesetzt haben, bilden wir eine Reihe hintereinander und rudern mit gleichmäßigen Ruderbewegungen in Richtung Rettungsschlauchboot. Kräftige Hände zerren an uns herum und wir werden an Bord gehievt. Beim Aussteigen habe ich einige Schwierigkeiten, da mein Forel-Anzug nicht ganz dicht war. Einige Liter Wasser stehen mir an beiden Beinen im Anzug bis an die Knie! Weia, denke ich, gut dass dies nur eine Übung war, in Wirklichkeit hätte ich wohl keine Chance gehabt!

Der Aufstieg an der Schiffsleiter hinauf ist sehr beschwerlich, aber nach den Strapazen ist es trotzdem ein Kinderspiel. Versuchen Sie mal, in übergroßen Gummistiefeln zu gehen, die voll mit Wasser sind! Ich werde an Bord stürmisch begrüßt. Dann erst wird mir bewusst, dass ich heute der erste Erdenbürger geworden bin, der als Zivilist das Long-Term-Training gemacht hat und nicht Angehöriger eines Space-Programms ist. Kaum zu glauben. Es fällt mir schwer, diesen Gedanken neben den vielen Eindrücken pro Sekunde auch noch zu verarbeiten.



Abends gibt es eine lange Verabschiedungsfeier mit allen Beteiligten. Wir sitzen an einem langen Tisch und essen Schaschlik, den besten den ich je in meinem Leben gegessen habe. Ich würde so gerne mehr trinken - der russische Vodka ist nicht so schlimm, wie der Westen behauptet. (Man muss nur zwischendurch ein paar Gläser Wasser trinken!).

Ich unterhalte mich lange mit Valerij. Sieh an, er kann perfekt Englisch sprechen, dachte ich mir doch. Wir unterhalten uns über das Training und andere Dinge und ich bemerke, dass er stolz auf mich ist. Er hätte nie gedacht, dass ich dieses Training schaffen würde. Für alle Beteiligten ist es eine neue Erfahrung, für die Crew, die Ärzte, für die Astro- und Kosmonauten, und vor allen Dingen für mich.

Er sagt: Sei stolz auf Dich selbst. Du hast es gemacht, nicht wir. Ich hätte mir so etwas bestimmt nicht zugetraut, und nun habe ich es gemacht. Ich fühle mich nicht schlecht bei diesem Gedanken, zugegebenerweise. Gegen halb eins gehe ich in mein Zimmer, rauche noch eine auf dem Balkon und falle anschließend in einen tiefen Schlaf.