17.09.2001 – Abschlusstraining!
Heute ist ein besonderer Tag für mich. Das letzte Mal auf dem Vessel-Ship SB-36. Man stellt sich nur einmal vor: Ein ganzes Schiff samt Besatzung und Bergungsteam fährt für mich hinaus auf das Schwarze Meer!
Igor, Michael und ich haben schwere Last zu tragen: 15 Flaschen Champagner für die Crew wollen bewegt werden.
Es ist nicht als Abschiedsfeier gedacht, sondern als Wiederkehrens-Feier. In Russland redet man niemals über das letzte Mal oder den letzten Flug!
Um 9:00 Uhr sind wir auf Position, ungefähr 4 Kilometer vor der Küste. Dann beginnt für mich das Prozedere, welches ich von den vergangenen Tagen her kenne: Ärztlicher Check, Unterwäsche wechseln. Danach sitze ich mit Sascha in meiner Kabine und fachsimple. Das besondere für mich ist, das er nur sehr wenig Englisch spricht, aber wir uns trotzdem verstehen. Danach wird es ernst: Heute absolviere ich mein Abschlusstraining, das sogenannte „Short-Training“.
Der Schnellausstieg mit dem Raumanzug Sokol wird geübt. Man sagt mir, das Schlimmste hätte ich gestern geübt, im Long-Term Training.
Aber trotzdem bin ich angespannt.
Dann geht es los: Wir gehen zum Umkleideraum zum Anlegen des Sokols. Heute beherrsche ich es ganz alleine, man ist sehr zufrieden mit mir. 15 Minuten später ist der Sokol perfekt angelegt und wir machen noch vor der Türe der Umkleidekabine ein Photo mit dem Banner des Sponsors „Photo Dose“ aus Bremen. Ach ja, ich komme mir an diesem Tag vor wie ein Model auf dem Laufsteg.
Dann machen die Jungs noch mehrere Photos von Sascha und mir mit dem „Photo Dose Banner“ vor der Descent-Capsule. Ich bemerke, dass die gesamte Besatzung des Schiffes anwesend ist. Ich freue mich: Aufgeregt bin ich nicht, aber ein wenig angespannt. Ich komme mir vor, als würde ich zum Mond oder zur ISS fliegen.
Es scheint ein toller Tag für mich zu werden.
Als erster klettere ich die Leiter empor und eine Minute später sitze ich auf dem rechten Sitz. Sascha folgt und als er in der Mitte sitzt fragt er mich: „Charachow?“
Ich halte den Daumen nach oben. Ich bemerke, wie der Schweiß wieder zu fliessen beginnt. Aber es ist nicht unangenehm.
Ein Ruck und wir bemerken, wie die Descent-Capsule nach oben gehievt wird. Wenige Minuten später sind wir im Wasser, die Kapsel beugt sich wieder bedrohlich nach der rechten Seite zu mir hin. Ich blicke wieder nach rechts durch das Fenster und sehe, das es unter Wasser liegt.
20 Minuten später sind wir wieder auf „offener See“.
Nun beginnt wieder das Warten. Ich denke über die letzten Tage nach und mache mir Gedanken. Teilweise kam ich mir vor, als wäre ich ein Delinquent auf dem Weg zum Schafott.
Wir setzen uns bequemer hin und entspannen uns. Mittels der Luftschläuche aus denen angenehme kühle Luft strömt, kühlen wir uns gegenseitig unsere Gesichter.
Ich denke an die Kosmonauten, die im All waren. Ich denke darüber nach, dass der Space nicht im Weltraum anfängt sondern hier auf der Erde. Das war mir auch schon vorher klar, nur nicht ganz so bewusst. Die letzten Tage haben mein Denken ein klein wenig verändert.
Nach 50 Minuten kommt dann der Befehl von Valerij: „Emergency escape!“ und wir legen unsere Floating Devices an. Auch das beherrsche ich nun in Vollendung, jeder Handgriff sitzt.
Dreimal gemacht, immer gemacht, denke ich.
Wir bereiten unsere Survival-Kits vor und verschnüren Sie mit unseren Anzügen.
5 Minuten später wird die Luke durch Sascha geöffnet, und ich gehe wie die Tage zuvor als Erster hinaus. Es ist nicht einfach aus der Kapsel zu gelangen mit dem Sokol, aber ich kenne schon aus den vorhergehenden Trainings die Kniffe, wie man sich drehen muss, um ohne Probleme nach draußen zu kommen.
Die Sonne draußen brennt, und ich sehe, als ich durch die Kapselluke nach oben komme, freundliche und bekannte Gesichter. Nun das eingeübte Prozedere: Hinsetzen, persönliches Survival-Kit aus der Kapsel ziehen, nach links und rechts über die Schulter schauen.
Ich werfe das Survival-Kit nach rechts ins Wasser.
Dann stehe ich auf und halte mich am oberen Rand der Luke fest. Unten kann ich in der Kapsel Sascha sehen, der mir folgt. Helm schliessen, rechte Hand an das Floating-Device rechts, mit den Augen fixiere ich das Linke und lasse los: Ich falle rückwärts ins Wasser und ziehe mit beiden Armen am Floating-Device, als ich spüre das ich auf die Wasseroberfläche aufschlage.
Ich tauche ins Wasser ein, die Schwimmhilfen links und rechts werden unter meinen Armen aufgeblasen wie zwei Tage zuvor, als ich diese Übung von der Schiffsleiter aus machte. Sekunden später bin ich wieder an der Wasseroberfläche und ich sehe, wie Sascha die Kapsel direkt nach mir verlässt.
Auf einem der Boote ist auch Igor, der mich fotografiert. Ich glaube, so oft bin ich noch nie in meinem Leben fotografiert worden wie in den letzten Tagen!
Überall Kameras, die auf mich gerichtet sind.
Dann beginnen wir mit Übungen im Wasser, die Leuchtsignale für Tag und Nacht werden gezündet.
Wir halten uns gegeneinander mit den Füssen fest. Es wird weiter gefilmt und fotografiert!