17.09.2001 – Überlebt!

Dann bilden wir zum Schluss wieder eine Reihe und rudern gleichmäßig zusammen zum Rettungsboot rückwärts, auf welches wir dann gezogen werden.

Ich als erster, die Rettungsmannschaft zieht uns rückwärts hinauf, und wir fahren zum Schiff zurück. Ich habe es tatsächlich geschafft.

Und ich habe es selber getan. Für mich und mit mir zusammen! Unvorstellbar noch vor wenigen Tagen, und nun habe ich mit der Teilnahme am Sea Survival Training als erster "ziviler Erdenbürger" einen Schritt in Richtung Weltraum getan! In den Weltraum?

Warum auch nicht, es gab genügend Stimmen hier in Sochi die mich zu diesem Schritt ermutigten, und wir werden sehen, was die Zukunft so "versteckt" hält.



Auf dem Schiff bekomme ich Beifall. Alle stehen dort und wundern sich, oder auch nicht. Nun habe ich als erster Zivilist das komplette Training durchlaufen: Dry Training, Long-Term-Training und Short-Training.

Selbst Dennis Tito hat dieses Survival-Training nicht gemacht, weil er angeblich keine Zeit hatte. Aber dies erwähnte ich ja schon.

Raus aus dem Skafander, unter die Dusche. Ich bin so stolz auf mich selbst. Rostislav der Psychologe sagt zu mir: Du hast es geschafft. Er hat es von Anfang an gewusst.

Nach der Dusche bekomme ich viel Besuch: Jeder gratuliert mir und schüttelt mir die Hand. ich erfahre, dass die Besatzung des gesamten Schiffes stolz auf mich ist. Es gab genügend Astro- als auch Kosmonauten, die schlecht abgeschnitten haben, auch welche, die bewusstlos geworden sind in der Enge und Hitze der Kapsel.

Klasse, dass ich das jetzt erfahre, denke ich, aber es ist richtig so: Wenn man mir das vorher gesagt hätte wäre ich mit wackelnden Knien dort eingestiegen.

Danach folgt am Bug des Schiffes das Abschluss-Briefing mit allen Instruktoren. Sie sind sehr zufrieden mit mir: Für alle Beteiligten war es eine Erfahrung, selbst für die Ärzte: ich bin weder Jet-Pilot, Leistungssportler, Fallschirmspringer noch Einzelkämpfer.

Nach dem Mittagessen dann ein Empfang für alle Besatzungsmitglieder, ich bekomme ein Zertifikat - das erste, das das Juri Gagarin Kosmonaut Training Centre jemals für einen Zivilisten ausgestellt hat - für das Sea-Survival-Training. Dort steht, dass ich diese Honoration dafür erhalte, dass ich das Training mit Erfolg bestanden habe.



Ich spüre Tränen in den Augen, als ich das Zertifikat erhalte und in den Händen halte. Ich wende mich mit einer kleinen Ansprache an die Crew und danke ihnen auf das Herzlichste:

Ohne die Crew wäre dies alles nicht möglich gewesen. Ich habe vor allen Dingen eines gelernt: Selbstaufgabe und Selbstaufopferung im Vertrauen in das Team.

Nur im Team ist dies alles möglich, und ich weiß jetzt zumindest, welche Strapazen nach einem Raumflug auf einen Kosmonauten zukommen können!

Danach wird uns noch eine besondere Ehre zuteil: Wir speisen in der Kapitäns-Kajüte mit den Chefs des Schiffes. Ich fühle mich sehr geehrt und bin auch sehr bewegt.



Um 15.00 Uhr verlassen wir das Schiff. Ich bin aufgewühlt wie selten zuvor, als ich das Schiff am Horizont verschwinden sehe.

Man muss sich nun vorstellen: Es gibt nun ein Schiff im Schwarzen Meer, welches riesige Aufkleber trägt vom Hauptsponsor „Photo Dose“ und einige Besatzungsmitglieder tragen die T-Shirts von meiner Firma IB-Marketing GmbH.

2 Stunden bleibt noch Zeit: Wir feiern kurz am Strandcafe in Sochi Igors 44. Geburtstag. Er meint zu mir: „This is the best birthday in my life!“. Ich blicke ihn verschämt an.

Auch Sergej Volkow und Yuri sitzen mit am Tisch. Ich will dieses Land und die Leute nicht verlassen! Auch nehme ich den stillsten der russischen Kosmonauten war, Yuri Ivanovich Malenchenko.

Er war auch bereits zweimal im All: Vom 1. Juli bis 4. November 1997 war er Commander der MIR 16-Mission und vollzog das erste manuelle Docking-Manöver eines Progress-Transporters.

Weiterhin war er als Mission Specialist bei der STS-106 vom 8. bis 20. September 2000 an Bord des Space-Shuttles Atlantis, wo Vorbereitungen für die erste Besatzung der ISS getroffen worden sind. Erst jetzt wird mir klar, mit welchen Leuten ich es hier zu tun habe!

Nach zwei Bier ins Hotel zurück. Nun heisst es packen, Abschied nehmen von Kudepsta, um 19.00 Uhr sollen Michael und ich abgeholt werden.

Valerij, Chef des Trainingsteams verabschiedet mich herzlich, wir tauschen Visitenkarten aus. Igor fährt mit zum Flugplatz und wir checken ein. Das Schlimmste für mich ist, Igor zu verlassen. Natürlich auch die Anderen, klar, aber mit Igor verbindet mich mehr als nur ein paar Tage hier. Denke ich zumindest heute. Was die Zukunft bringen wird, werden wir sehen.

2 Stunden müssen Michael und ich noch warten, dann fliegen wir mit einer Aeroflot Iljuschin 86 nach Moskau zurück.

Ich bin müde, aber andererseits auch total aufgedreht. Viele Gedanken gehen mir im Kopf herum, viele Gesichter tauchen auf und verschwinden wieder. Vor einigen Wochen hatte ich mir noch Gedanken gemacht über die Reise, nun habe ich sie schon hinter mir, und ich fliege meiner Gegenwart entgegen. Irgendwie kommt es mir vor, als würde ich in eine andere Zeit fliegen. Mal sehen.

In Moskau werden wir von einem Mitarbeiter Igors abgeholt, wie versprochen und zum Rennaicance-Hotel gebracht, ein 5 Sterne Haus. Hmm, man gönnt sich ja sonst nichts, aber richtig wohl fühle ich mich in diesem Prunk nicht. Ich kann mich schlecht an den Komfort hier gewöhnen, in meinen Gedanken bin ich noch auf dem Schiff und bei der Crew, und vor allen Dingen: in der Descent-Capsule!

Ich komme mir vor, als wäre ich 4 Monate da gewesen. So viele neue Eindrücke, jeden Tag etwas Neues, fast zu viele Eindrücke!