12.09.2001 – In 11.000 Metern Frühstück über den Wolken
4.45 Uhr.
Der Tag beginnt für mich schon so früh, da ich kurz vor 6 Uhr abgeholt werde. Mann, was tun mir die Knochen weh; die letzten 3 Monate waren angefüllt mit Arbeit, teilweise 16 Stunden am Tag und das tagtäglich. Mein 36-jähriger Körper spricht zu mir und sagt mir: Junge, Du bist nicht trainiert genug für diesen Trip. Aber mein Verstand sagt mir: Man wächst mit seinen Aufgaben!
Nach der „Muntermachdusche“ schnell eine Erdbeermilch, schnell noch mal alles gecheckt nach der Devise „Hab ich auch Alles?“, eine Zigarette rauchen mit Astrid und dann Verabschiedung.
Wegen der Ereignisse am Vortag denke ich, ob ich alle gesund wiedersehen werde wenn ich zurückkomme? Komme ich zurück? Auf jeden Fall wird die Zeit, in der wir ab sofort leben, eine andere sein. Ich versuche meine Gedanken auf das Kommende zu konzentrieren, das wird mehr als schwer genug für mich.
Ich sage „Tschüss, Waldesch“. Ach nein, das heisst ja jetzt „Dosbedanja Waldesch“.
7.00 Uhr.
Nach einer schnellen Fahrt im strömenden Regen bin ich nun am Airport Frankfurt. Trotz der politisch veränderten Weltlage ist es sehr still. Keine Hektik, kein Palaver mit Sicherheitsbeamten. TV-Teams haben ihre Kameras positioniert, jedoch ist es noch zu früh. Ich rauche noch schnell eine Zigarette vor dem Flughafengebäude und rufe nocheinmal schnell zu Hause an. Alles klar in FFM, mein Flug wird pünktlich abgehen.
Dann schnell eingecheckt, noch eine geraucht. Scheiß Kippen, manchmal könnte ich sie sonst wo hin schmeißen.
Ich mache mich auf den Weg zum Gate B50, dort geht der Flieger LH 3550 nach Moskau - eine Boeing 737-500 pünktlich, wie es heisst, ab.
Im Gate dann eine Überraschung, die dann nach genauem Nachdenken doch keine mehr ist. Totenstille ist im Gate. Ich denke, ich bin falsch gelandet, aber ich bin richtig. Auf dem Terminal-Screen steht mein Flug. Nach einer Zeit bekomme ich mit, dass viele Fluggäste abgesagt haben. Wir sind nur ca. 60 Reisende. Dass ich nun mehr Platz haben werde, ist mir klar, nur der Grund ist nicht der schönste.
Bis alles geboarded und gecheckt ist und wir dann abheben in Richtung Osten ist es 8.35 Uhr. Ich bin auf dem Weg zu einer Nation, die bedeutende Weltraumgeschichte geschrieben hat. Auch wenn ich kein „Professional“ bin, denke ich an die vielen Männer und Frauen, die bereits im All waren. Auch sie sind von irgendwoher irgendwo hin geflogen, und auf einer solchen Reise befinde ich mich nun auch.
Richtig wach werde ich erst nach einer Stunde Flug. Ich sitze weit hinten in der vorletzten Reihe und kann verfolgen, was sich in der Bordküche tut. Der Duft von Kaffee in meiner Nase lässt mich wacher werden und es heisst zuerst einmal: Frühstücken in 11.000 Metern Höhe, so wie es der Captain vorher übermittelt hat. Während ich frühstücke, kommt mir der Gedanke, dieses Tagebuch zu schreiben. Warum auch nicht?
Ich versuche die Schreckensbilder des Vortages aus meinen Gedanken zu verbannen. Das ist nicht einfach, aber es muss gehen. Irgendwann schaffe ich es auch und döse ein wenig ein ... .
14.15 Uhr Ortszeit – Moskau.
Der Anflug auf dem Flugplatz Scheremetjevo ist etwas holprig vorher, jedoch setzt der Captain die Boeing 737 butterweich auf. Die Erde hat mich wieder!
Nun denke ich, das der Stress zunächst einmal weiter geht bei den Einreiseformalitäten, aber denkste!
Nach 5 Minuten bin ich in Moskau von einer düster reinblickenden Zollbeamtin gemustert worden und erhalte meinen Pass zurück. „Viel Spass in Russland!" ruft sie mir auf deutsch hinterher.
Danach rieche ich zum ersten Mal Moskauer Luft. Irgendwie riecht hier alles nach Altöl, denke ich bei mir. Wird schon seinen Grund haben.
Ich gehe einen ellenlangen Flur entlang und beobachte die Leute, die mich überholen oder die, die ich überhole. Alles scheint auch hier normal zu sein. Ich bemerke ein Schild, welches von meinem Abholer hochgehalten wird. „Andreas Bergweiler" steht auf ihm, ich fass es nicht und denke: „Andreas, du bist in Moskau!"
Die Begrüßung ist herzlich, Igor ist sein Name, den Rest habe ich zu dem Zeitpunkt vergessen. Ein freundliches Gesicht lächelt mich an. Es ist der Kontaktmann der Astrium in Bremen, irgendwie habe ich seinen Namen schon vorher hundertmal gehört, nur dachte ich nicht daran, das er mich persönlich abholt.
Er sagt: „Its first time for GCTC, to have a civillian participant at this training, so I will be stay with you for this trip, not behind my desk!".
Ich lache ihn an, irgendwas sagt mir, dass dieses Zusammentreffen etwas Besonderes bedeuten wird.
Igor beginnt sofort ein lockeres Gespräch, ich fühle mich sofort wohl. Während wir auf meinen „Medienberater" Michael Schultz warten, rauchen wir eine Zigarette.
Schnell verliere ich meine Muttersprache und plappere in Englisch daher.
20 Minuten später sehe ich Michael Schultz, er hat uns noch nicht gesehen. „Hallo!" sage ich und winke mit der Hand, dann bemerkt auch er, das er in Russland – Moskau ist.