12.09.2001 – Moskau und Star City

Er sagt zu mir „Ich bin Michael!“ und reicht mir die Hand. Dass er Michael heisst, weiss ich nun zu Genüge, aber das ist eine andere Geschichte....

Wir tauschen danach Geld und stehen vor einer Wechselstube. Das Mädchen hinter der Glasscheibe blickt sehr kühl hinein, und es dauert über eine halbe Stunde, bis ich ein Bündel Rubel für meine 200 US Dollar erhalten habe. Etwas knapp über 5.000 Rubel. Nachdem dieses Prozedere vorüber ist und wir dann nach meilenweitem Gehen aus dem Flughafengebäude treten sagt Igor: „At this season here in Moskau, it is raining. But not today!“

Ich lache und sage zu ihm auf Englisch: „Klar, ich bin ja auch hier!“ Er lacht laut auf und wir gehen weiter. Draußen sind es so an die 26 Grad und die Sonne brennt vom Himmel.

Dann endlich sind wir am Parkplatz. Wir werden von einem Gefreiten der russischen Armee empfangen. Er sagt zwar kein Wort, aber seine Gedanken kann ich irgendwie lesen. Nach dem Einstieg in den etwas nicht mehr ganz so "frisch" aussehenden Wagen beginnen wir mit der Fahrt zu dem weltberühmten Star City, die Weltraummetropole Russlands.
Für die Fahrt dorthin braucht man anscheinend einen Survival-Kurs. Die Strassen sind verstopft, aber irgendwie wissen die Russen, wie man nach vorne kommt, indem man sich einfach den knappsten und besten Weg sucht!
Und was für eine Fahrt machen wir: Russen fahren auf jeden Fall anders Auto. Genauso wie ihre Autos aussehen fahren sie auch! Wir plappern im Wagen belanglos daher und Igor erklärt uns einiges. Schnell wird mir klar: Das sind Profis und ich habe meine ersten Gedanken im Kopf: „Andreas, was machst Du eigentlich hier?“

Nach etwas über eine Stunde Fahrt sehe ich zum ersten Mal ein Schild, was ich bisher nur aus dem Fernsehen oder Filmen kannte: das berühmte schmiedeeiserne Star-City Zeichen. Nun biegen wir ein und fahren auf einer asphaltierten Strasse weiter. Nach weiterer Fahrt durch bewaldete Gebiete sind wir schnell am Haupttor angekommen und fahren einfach durch, ohne Kontrolle.
Die Fahrt endet am Star City Hotel und wir steigen aus. Es ist angenehm warm und mir wird auch immer wärmer bei dem Gedanken, wenn ich darüber nachdenke, wer hier in diesem Hotel schon so alles geschlafen haben wird. Krikalev, Usachev und wie sie alle heissen. Russische Kosmonauten sind nicht so bekannt im Westen wie amerikanische. Mittlerweile muss man aber auch aufhören zu zählen, wieviele Menschen schon im All waren. Dies mindert die Leistung dieser Männer oder Frauen jedoch in keinster Weise.

Nach dem Einchecken an der Information, an der eine kleine Frau sitzt, bekomme ich Zimmer 14 im Erdgeschoss zugewiesen, Michael bekommt die 12. „Where is the 13?“ frage ich und erfahre: In der russischen Raumfahrt gibt es keine 13. Aha, denke ich, warum auch nicht. Aberglaube hat bisher noch Niemandem geschadet. Ich betrete mein Zimmer. Wer mag hier geschlafen haben die letzten 25 Jahre? Vielleicht auch ein paar deutsche Astronauten wie Thomas Reiter, Merbold oder Flade?

Igor will uns um 18.00 Uhr wieder abholen. Hmm. Keine Führung durch Star City? Jedoch ist er eine halbe Stunde später wieder da. „Okay, we have one and an half hour!“

Die Sonne brennt an diesem Nachmittag vom Himmel, als wir uns den ersten Hallen nähern, die sich hinter einer Wache verbergen, durch die wir einfach durchgehen. Dieses offene Verhalten wäre noch vor 10 Jahren undenkbar gewesen, denke ich bei mir - die Zeiten haben sich grundlegend geändert. Ich schaue mir die Umgebung an und denke an die Bücher und Internetseiten, die ich die letzten Jahre über Star City gelesen habe. Es ist wie beschrieben: High-Tech in einer Umgebung, die nicht so ganz passt. Aber, selbst mein Grossvater sagte zu mir einmal als ich noch ein kleiner Piefke war: „Die Russen darf man nicht unterschätzen. Sie sind vor allen Dingen praktisch veranlagt und bauen aus einem Fahrrad eine Panzerkette, wenn es sein muss!“