12.09.2001 – Ein Hauch von Geschichte
Nach weiterem 5 Minuten Spaziergang stehen wir in einer Riesenhalle:
Der Soyouz-Komplex Simulator. Igor erweist sich als absoluter Fachmann; ich bemerke, dass er nicht nur für Raumfahrt arbeitet, sondern auch mit Raumfahrt lebt. Er erklärt alles bis ins kleinste Detail, und ich fühle mich irgendwie komisch. Niemals hätte ich daran gedacht, hier einmal stehen zu können.
Während des Gesprächs an einer Soyouz-TM werde ich stutzig als Igor mir sagt: “In so einer Kapsel sitzt Du am Sonntag mindestens 4 Stunden lang. Eingepackt in einen Sokol-Raumanzug und festgeschnallt.“ 4 Stunden mindestens! Mein Kopf sagt zu mir: Danke Andreas, das Du mir das antun willst!
Ich frage nach. „Klar,“ meint Igor „das ist das Abschlusstraining, in welchem es darauf ankommt zu zeigen, ob man es drauf hat, aus dieser Kapsel zu kommen, wenn das Bergungsschiff kommt. Und das kann dauern, maximal 36 Stunden.“ Mir wird grad schlecht: Natürlich habe ich davon gehört und kann mir das alles vorstellen, jedoch wusste ich bisher auch noch nicht, das ich selber einmal so lange und unter diesen Bedingungen in einer Soyouz-Kapsel sitzen würde!
Er erklärt mir, dass man sich dann in dieser Kapsel umziehen muss: Raus aus dem Sokol und zu guter Letzt rein in den Überlebensanzug „Forel“ (Forelle, ha!)
Uff, dass wusste ich bisher nicht. Ja meine Güte, denke ich. Ob ich das bringe?
Und dann sagt er mir definitiv: „You are the first zivillian, who is not in a space-programme, who will make this training!“
Mir fehlen gerade etwas die Worte. Das hatte man mir zwar vorher gesagt, aber irgendwie habe ich das nicht in meinen Schädel hineinbekommen. Nun, ich habe mich ja vor dem Beginn meiner Reise mit dem Ablauf des Sea-Survival-Trainings zu Genüge vertraut gemacht, aber das war ja bisher nur Theorie. Nun kommt die Praxis immer "bedrohlicher" näher!
Ja, bin ich denn Neil Armstrong oder Alexej Leonov?
Nach einer kurzen Schreckminute führt uns Igor meilenweit durch das Sternenstädtchen.
Wir betreten eine riesige Halle und stehen auf einmal vor dem MIR-Simulator!!
Gott, ist das Ding groß. Kvant, Spektr, Pridora-Modul in Originalgrösse vor mir zu sehen, hätte ich nie vermutet. Riesengroß war die MIR, 140 Tonnen Lebendgewicht. Eine kurze Treppe hinauf und ich betrete die MIR, schnell erkenne ich die Inneneinrichtung!
Eine halbe Stunde fachsimpeln mit Igor folgt, er wundert sich darüber, dass ich mit den Modulnamen und Einrichtungen irgendwie vertraut bin. Nun gut, erkläre ich ihm, die letzten Jahre habe ich mich auch wieder mit dem Thema intensiv beschäftigt, und mich zu einem wandernden Weltraumlexikon entwickelt.
Danach weiter zu den russischen ISS-Modulen!
Genau so groß und silbrig glänzend, aber MIR-ähnlich. Russische Technik – ohne die wäre die ISS nicht möglich. Das sieht man an einem solchen Platz aufs genau; das wird jedem technik- und raumfahrtinteressierten Besucher schlagartig klar, wenn man davor steht und es anfassen kann.
Wir gehen weiter durch die Gänge. Hunderte von Bildern hängen an der Wand von verschiedenen Besatzungen der russischen Weltraumgeschichte. Ich erkenne einige: Leonov, Volkow, Krikalev um nur einige zu nennen. Verdammt, denke ich, einige andere Gesichter kommen mir bekannt vor, aber mir fallen die vielen Namen in diesem Moment nicht ein.
Die Zeit drängt, schnell noch zur Zentrifuge und ans Tieftauchbecken.
Die Zentrifuge ist unglaublich groß. Wir stehen in einem Raum, der mindestens 50 oder 60 Meter breit ist und 20 Meter hoch. Eine schwedische Firma hat die Zentrifuge gebaut, erklärt Igor. Sie ist unvorstellbar groß und mir wird irgendwie flau im Magen wenn ich mir vorstelle, mit diesem Stahlkoloss auf eine Reise zu gehen. Aber diese "Reise" wird noch nicht Bestandteil meines Weges sein, ich hoffe, das ich in meinem Leben die Möglichkeit bekommen werde, zu fühlen was es heisst, mit 4 oder 6 G "angepresst" zu werden!
Das Wasserbassin ist nicht so groß wie das in Houston im Johnson Space Center der NASA, aber irgendwie imposanter. Die Arbeitsbühne ist komplett versenkbar, im Moment steht das FRGB-Versorgungsmodul darauf mit der Luftschleuse.
Es fällt mir sehr schwer die Ausmaße dieser Module in meinen Kopf zu bekommen. Eindrücke ohne Ende; ich vergesse fast Bilder von diesen imposanten Dingen zu machen, aber auch nur fast!
Um kurz nach 18.00 Uhr ist die Führung durch das, was man in eineinhalb Stunden sehen kann, vorbei. Igor bringt uns noch zu einem Restaurant, wo wir die einzigen Gäste sind. Herzliche Leute, das bemerke ich hier auch sehr deutlich. Igor verlässt uns, nachdem er uns an einen reich gedeckten Tisch geführt hat, und Michael und ich fachsimpeln noch zwei Stunden.
Dann macht sich die Müdigkeit des Tages bemerkbar, und wir gehen gegen halb neun in Richtung Star-City Hotel, aber einen anderen Weg, um einen See herum. Irgendwie will mir nicht in den Kopf, dass ich hier im Sternenstädtchen bin. Hier ist alles anders, als man sich vorstellen kann.
Morgen soll es ganz früh in Richtung Sochi gehen. Mit einer Iljuschin 86.
Und dann wird es bestimmt ernst, denke ich so bei mir. Komisch ist nur, dass ich überhaupt keine Bedenken habe, was mich erwartet; auch die Vorahnung, auf 4 Stunden eingeschlossen in einer Kapsel zu verbringen, verängstigt mich nicht wirklich.
Aber das werden wir sehen, wenn es losgeht.
Nun ist es knapp nach halb zehn und ich sitze an meinem spartanischen Tisch und schreibe die ersten Worte in das Tagebuch des Kosmonauten Bergweiler. Dann werde ich noch auf dem Balkon eine rauchen. Vielleicht sieht man ja die Sterne? Das Licht hier hat Stromschwankungen und die rechte Hand beginnt zu schmerzen. Als IT-Spezialist ist man es absolut nicht mehr gewohnt, mit der Hand so viel zu schreiben. Morgen Abend werde ich wahrscheinlich noch kaputter sein als heute, so wird es wohl in den nächsten Tagen des Öfteren sein, aber: EGAL!!.
Schließlich bin ich hier nicht für einen Entspannungsurlaub!