13.09.2001 – Von Star City nach Sochi

Schon wieder 4.30 Uhr in der Früh. Mein Handy klingelt, die Dame des Hotels Star City hat uns natürlich nicht geweckt. Aber ich habe noch Zeit, packe zusammen und gehe an die Rezeption und plaudere ein wenig mit der Dame vom Hotel. Es ist draußen sehr dunkel, was ich durch die Fensterscheiben bemerke. Ich erfahre, dass das Hotel seit 1975 existiert und für die heutigen Verhältnisse natürlich viel zu klein ist. Die Amerikaner haben ein ganzes Stockwerk angemietet für ihre Programme, war ja mal wieder klar.

Um 5.20 Uhr werden wir von einem total ramponierten Opel Omega abgeholt und zu einem Sammelpunkt gebracht. Dort treffe ich zum ersten Mal auf andere Crewmitglieder. Igor ist auch wieder mit von der Partie und er berichtet mir, dass mein Commander Sergei Volkow sein wird, der Sohn des berühmten russischen Kosmonauten Alexander Volkow. Eine bunte Truppe versammelt sich um mich und mustert mich. Insgesamt sind wir 6 Kandidaten. Ein amerikanischer Arzt ist auch noch mit von der Partie, von dem ich zunächst denke, das er ein Astronaut ist. Rick ist sein Name und er quetscht mich von dem Moment aus, als wir im Van sitzen.

Als er dann feststellt, dass er seinen Pass vergessen hat, geht es wieder zurück zum Hotel. Komisch, da hätten Michael und ich den Weg schon mal sparen können. Nachdem Rick seinen Pass hat, geht es auf die Fahrt in Richtung Moskau Scheremetjevo 1, dem nationalen Flugplatz Moskaus. Die Jungs im Van sind gesprächig, aber auch müde. Ich habe Schwierigkeiten, mir die Namen zu merken und Namen Gesichtern zuzuordnen. Als wir am Flugplatz ankommen, ist es schon hell.

Und dann: Nix da mit Militärtransporter. Wir fliegen mit der Aeroflot nach Sochi!

Mir fällt die Internetseite „Desasters in Airflight" ein, wo die Aeroflot die Liste der abgestürzten Flugzeuge als auch mit Toten und Verletzten anführt! Nach anderthalb Stunden Warten und einer Zigarettenpause mit Igor geht's dann in die wahrlich riesige Iljuschin 86. Nach einer Zeit sind wir in der Luft, und ich kann mich nur noch wundern: Der Aribus A 340 wird als „flüsternder Riese" bezeichnet, aber diese Maschine ist geräumiger, komfortabler als auch viel, viel leiser während des Flugs. Tja – sag ich mir, es ist nicht immer alles Gold was glänzt!

Während des zweieinhalbstündigen Fluges unterhalte ich mich mit einem amerikanischen Astronauten, der auf der gegenüberliegenden Seite des Ganges sitzt. Es stellt sich heraus, sein Name ist Paul Richards und er war im März diesen Jahres mit der STS-102 Mission im All bei der ISS!.

Auch mein Sitznachbar ist, nachdem er eine Stunde oder so geschlafen hat, gesprächig. Sein Name ist Edward (Ed) Lou. Vom Äußeren hätte ich ihn eher für einen Russen gehalten, aber so kann man sich absolut täuschen. Er war bereits zweimal im All, einmal mit der Mission STS-84 Atlantis vom 15. bis 27. Mai 1997, die an die MIR andockte und STS 106 Atlantis vom 8. bis 20.09.2000, wo er mit anderen Astronauten die ISS für die erste bemannte ISS-1 Crew vorbereitete. Er verbrachte bis jetzt über 6 Stunden bei EVA´s im Weltraum und steckt nun im Training für die ISS-Crew 7.

Nach zwei Stunden Flug kommen wir auf dem Adler-Airport in Sochi an. Es riecht nach Öl und Salz, die Temperatur ist angehem, so an die 32 Grad. Aber ein Wind weht und so wird der Aufenthalt und der erste Eindruck noch besser.

Ich bekomme den Geruch von Öl nicht mehr aus meiner Nase, seitdem ich in Russland bin. Nur in Star-City roch es nicht danach.

Ein kurzes Vorstellen am Flugplatz: Igor stellt mir den Leiter des Training, Valerij vor! Oh mein Gott, denke ich und denke an meinen Ausbildungsspieß. Weiße Haare nach oben gekämmt, ein weißer Schnäuzer, stahlblaue Augen (die jedoch auch warm aussehen) und ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Watch the bulldog – SFOR" an. Das kann ja heiter werden, ein richtiger „Komisskopp" denke ich. Er begrüßt mich freundlich, jedoch mit einer autoritären Zurückhaltung. Schnell macht er mir durch sein Verhalten klar, wer der Herr hier im Ring zu sein scheint.
Nebenbei bemerkt: Die Herren auf dem nebenstehenden Bild, Ed und Yuri befinden sich seit dem 26. April 2003 im Erdorbit, sie bilden die Expedition 7 Crew der ISS, die bis zum Oktober 2003 im All bleiben. Die Expedition 7 Homepage errreichen Sie unter: http://www.edlu.com

Er hat mich bestimmt schon in sein Herz geschlossen, denke ich, aber man sollte immer zuerst abwarten, wie Menschen sind, bevor man sich ein Urteil bildet. Nach der kurzen Begrüßung fährt das Team mit einem Van zum „Kudepsta Trainings Camp".
Eine wunderbar gelegene Oase mit vielen Büschen und Bäumen; jedoch sehe ich auch die Hoteltrakte, die mir nicht den Anschein erwecken, dass es in ihnen sehr komfortabel zugehen wird. Aber was erwarte ich denn? Ich bin schließlich nicht hier, um Urlaub zu machen, sondern um an einem Sea-Survival Training teilzunehmen.
Wir fahren mit dem Van eine ewig lang andauernde Steigung hinauf und ich denke daran, ob der Motor des Vans dies auch schaffen wird. Manchmal ist er kurz vor dem Absterben. Mir fallen die Worte von Igor ein: Alleine das Treppenstufensteigen in Kudepsta ist schon Fitness Training genug!

Valerij hält eine kurze Ansprache; eine kleine Russin, Irina ihr Name, die Kette raucht, übersetzt sein Russisch ins Englische. Wir bekommen unsere Zimmerzuteilung, und ich erfahre, dass mein Zimmergenosse Ed Lou sein wird. Der Nachmittag bis 14 Uhr stünde zur freien Verfügung, dann sei Essenszeit. Danach der erste theoretische Unterricht des Survival-Trainings; für mich würde später am Abend eine einzelne Session abgehalten, um den Survival-Kit „Granat 6" kennenzulernen. Extra für mich, mich wundert dies absolut nicht!

Mir kommen nun die ersten komischen Gedanken in den Sinn, die anders sind als die, die ich bisher hatte: Dieser Trip wird mich an den Rand meiner physischen und psychischen Leistungsfähigkeit bringen.
Nun gut, um 14.00 Uhr ist Lunch, danach geht es in die ersten theoretischen Stunden. Ob ich da meinen Overall bekomme, von dem man mir erzählt hat? Bisher war von Overalls absolut nichts zu sehen. Nun, bis heute Abend werde ich wohl schon wieder ein wenig mehr wissen, denke ich, gehe auf mein Zimmer, dusche kurz und versuche, die Zeit bis um 14.00 Uhr totzuschlagen. Ich rufe kurz zu Hause an und gebe Kunde, dass ich nun in Kudepsta-Sochi bin. Mein Herz schlägt heute Nachmittag schon etwas schneller, aber wer sollte sich ernsthaft darüber wundern?

16.00 Uhr
Der erste Unterricht beginnt. Normalerweise sollte er um 15:00 Uhr losgehen, jedoch haben die Verantwortlichen ein Date mit den NASA-Jungens. Irgendwas sagt mir, das dies mit mir zu tun haben könnte. Die ersten beiden Stunden gehen wie im Flug vorbei. Russisch sprechende Trainer erzählen in wirklich kurzen Sessions, was in den ersten Minuten notwendig ist, um nach einer Landung im Wasser zu überleben. Sie erwähnen kurz die verschiedenen Überlebenstechniken und was besonders wichtig ist. Teilweise sind mir die Begriffe schon von der Bundeswehr her bekannt, jedoch habe ich diese Begriffe natürlich nicht jemals zuvor in einem „Kosmonautentraining" gehört.

Die ersten drei Minuten dienen der Bewertung der gegebenen Situation. Je nach Bedingung (und das können sehr viele Bedingungen sein) muss der Kosmonaut im Team entscheiden, was zu tun ist. Wichtig ist immer: Wenn es möglich ist, so lange wie möglich in der Kapsel bleiben. Natürlich gilt das nur, wenn die „Descent Capsule" in Ordnung ist. Im Falle von Feuer oder dem Gegenteil Wasser, muss die Kapsel schnellstmöglich verlassen werden. Hat man genügend Zeit, muss man sich umziehen; abschliessend in den Überlebensanzug „Forel", der einem das Überleben in 0 Grad kaltem Wasser für 36 Stunden ermöglicht.

Diese Überlebenstechniken und Geräte ermöglichem dem Kosmonauten, dass er drei Tage überleben kann. So z.B. sollte am ersten Tag von den Notrationen nichts gegessen werden. Der Wasservorrat sollte zwischen dem ersten und dritten Tag so aufgeteilt werden:

1. Tag: 20 %
2. Tag: 40 %
3. Tag: 40 %


Weiterhin sollte man Ausschau halten nach Land. Wie macht man das?
a) Vögel beobachten: Und zwar die hochfliegenden Vögel, da diese vom Meer zurück nach der Futtersuche in Richtung Land fliegen. Die tieffliegenden Vögel fliegen kreuz und quer, da sie auf Futtersuche sind.

b) Wolkenbildungen: Cumuluswolken. Das sind die hochauftürmenden Wolken (hat jeder schon einmal gesehen) die sich grundsätzlich nur über Land bilden, wenn sich feuchte Luft vom Meer mit trockener Luft vom Land her vereinigt. Dort wo Cumuluswolken sind, ist Land. Natürlich können diese Wolken kilometerhoch sein und das Land Duzende, wenn nicht Hunderte von Kilometern weit entfernt sein.

c) Horizont: Zeigt sich ein Schiff oder ein Flugzeug und man ist sich sicher, dass man gesehen wird, setzt man die Signalpistole ein. Die Leuchtkugel fliegt 250 Meter hoch und brennt für eine Minute. Danach hat man noch zwei kleinere Signalpatronen, die 100 Meter hochfliegen und jeweils für 10 Sekunden brennen. Und wichtig ist: Wenn man gefunden wird, die Rettungskräfte gewähren lassen: Diese sind Profis, welche wissen, was sie tun!

Durch einen Arzt werden die medizinischen Aspekte des Trainings angesprochen. Auch während des Trainings werden Herztätigkeiten, Blutdruck und Puls überwacht. Auweia! Da wird ja etwas bei mir herauskommen!