13.09.2001 – Der Survival-Kit

Um 19.00 Uhr soll ich in die Geheimnisse des Granat 6 Survival-Kits eingewiesen werden. Die anderen Astro- und Kosmonauten kennen ihn schon zu genüge, ich nicht!
In diesem grünen Koffer verbirgt sich also ein Geheimnis. Mein Zimmergenosse Ed Lou meint dazu, als er den Koffer sieht: „You are wondering about that thing. So an little box with so many items!".

Ich meinte, dies wäre ja wie Weihnachten, und er lacht. Auch sagt man mir, ich solle die nächsten Tage viel schlafen und wenig Alkohol trinken. Nun, dem Alkohol bin ich sowieso nicht so zugeneigt, und die letzten Wochen vor meiner Reise nach Russland waren geschäftlich „die Hölle", also kommt der Tipp mir eigentlich ganz gelegen. Dann werde ich jetzt mal vor dem Abendessen ein kurzes Nickerchen halten.

Beim Abendessen setze ich mich an den Tisch von Sergej Volkow. Auch die Amerikaner nebst Rick dem Arzt sitzen dabei. Paul, Rick, Sergej, Ed und Juri plappern in einem Durcheinander von Russisch und Englisch. Außer ein paar Höflichkeitsfloskeln sprechen sie wenig mit mir. Ich kann auch nur sehr wenig in Bezug auf Flugerfahrung mit einer MIG 29, MIG 25 und einer T38 beitragen!.
Nach dem Abendessen gehe ich wieder zurück in meine „Suite" und bekomme Besuch von einem Instruktor, der mir nun die Geheimnisse des Granat 6 Survival-Kits erklären will. Die kettenrauchende strohblonde Russin Irina ist als Dolmetscher im Schlepptau mit dabei.

Der Instruktor ist ein älterer Mann, der aussieht, als wäre er gerade erst aufgestanden. Zunächst erklärt er mir in Russisch die verschiedenen Inhalte: 1. Pack: Wassereinheit mit 6 Litern Wasser (für die gesamte Besatzung!)
2. Pack: Food, Medikamente, Streichhölzer (natürlich Windfest), Nähzeug, Drahtsäge, Trockenspiritus, Erste Hilfe Pack, Sonnenbrille und unglaublich viele andere Dinge (Ed hatte wirklich recht mit seinem Spruch heute Nachmittag).
3. Pack: Das Kommandanten-Pack mit Pistole, Leuchtsignalgebern, Taschenlampe, Funkgerät etc.

Ich erhalte einen Crashkurs in anderhtalb Stunden und benutze die verschiedenen Dinge so, wie der Instruktor es zeigt. Er ist nett und lacht viel. Ich bemerke, dass Russen ein freundliches Völkchen und nicht oberflächlich sind.

Irina übersetzt ins Englische, und das teilweise wortwörtlich. Dabei kommt es richtig rüber, dass mein Instruktor es ernst meint und trotzdem total nett die Lecture rüberbringt. Michael macht während der Lesson Bilder, die mich in allen möglichen Posen zeigen, für einen unserer Sponsoren „Photo Dose". Von mir aus. Nach den eineinhalb Stunden habe ich einiges verstanden und weiß zumindest, was wo in den drei Packs ungefähr drinnen ist.
Danach halte ich noch einen Smalltalk mit Michael. Es scheint so, als hätte die NASA heute Nachmittag echt Druck auf die Russen ausgeübt. Es spielt sich aller Anschein nach unterhalb der Chefetage des NASA-Administrators Daniel Goldin ab. Die NASA sagt: Es kann nicht sein, das Herr B. aus W. das Training der Professionals stört; er ist kein Profi (nebenbei bemerkt will ich es auch noch nicht sein). Nun hat es Igor so arrangiert, dass ich am Montag meinen Abschlusstest nur mit Sergej Volkow machen werde, nicht das lange Training! Als ich das höre, atme ich ein wenig auf. Ich habe schon zuviel davon gehört, was einem in der Kapsel so alles durch den Kopf geht.

Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg. 3 Tage an Bord des Vessel-Schiffs, welches ich morgen zu sehen bekomme. Ich kann nicht sagen, ob ich Angst habe oder nicht, ich lasse es auf mich zukommen, ganz einfach. Was bleibt mir auch anderes übrig?
Später am Abend sitze ich in unserem Zimmer auf dem Balkon und denke daran, dass ich mir morgen einen fetten Sonnenbrand holen werde. Ich hoffe, die haben irgendwie vorgesorgt, ich habe meine Sonnencreme zu Hause in Deutschland vergessen. Typisch, irgendwas vergisst man ja auch immer wenn man eine Reise tut. Auch braucht man in unserem Badezimmer einen Überlebenskurs: Die Bodenplatten sind aufgesplittert, und ich sage noch zu Ed „Watch your step! You need an Survival-Course in our bathroom!"

Nun gut. Morgen Abend werde ich wahrscheinlich platt sein wie eine Flunder, und mir zumindest den Hintern gehörig verbrannt haben. Einfach wird das bestimmt nicht. Es beginnt zu regnen. Ein Wink mit dem Zaunpfahl, für mich oder gegen mich? Ich sehe Blitze im Norden. Nur denke ich, das ist normal für die Gegend hier. Ich werde wohl von Sochi nicht viel zu sehen bekommen. Als ich mich gerade hinhauen möchte kommt Ed. Er gibt mir noch ein Paar Tipps mit dem Umgang mit der Raumkapsel und die Arbeit in einem Raumanzug: „Langsame Bewegungen, vorher schauen wo alles ist! – Slower is in this case faster!". Ich werde mir die Worte merken und zu Herzen nehmen.