14.09.2001 – Trockenübungen in der Descent Capsule"

Das Frühstück beginnt - wie jeden Morgen in nächster Zeit - um 8.00 Uhr. Morgens sitze ich mit Michael und Igor zusammen an einem Tisch, und wir reden belangloses Zeug. Meine Gedanken sind schon auf dem Schwarzen Meer, und ich bin gespannt darauf, was ich erleben werde die nächsten Tage. Danach trifft sich die gesamte Crew an einem zentralen Sammelpunkt, der aussieht wie ein Spielplatz. Irgendwelche bunten Tiere sind aus Stein oder Holz nachgeahmt und stehen auf einem Platz.

Valerij hält eine kurze Einführungsrede an der Crew. Ich erfahre, das die Crew aus dem Original Rettungsteam von Star City besteht, alle werden in den nächsten Tagen in Action sein. Danach gehen wir zu Fuß in Richtung eines Uraltbusses und fahren nach Sochi zum Hafen. Der Wellengang wäre heute morgen zu hoch, um mit dem Begleitboot des Schiffes zum Schiff zu fahren! Na, das kann ja heiter werden. Das Schiff liegt nun im Hafen und wartet auf uns.

Nachdem wir an Bord gingen und dem Kapitän und seinen Offizieren die Hand schüttelten, sehe ich zum ersten Mal die Descent-Kapsel. In ihrem orangeroten Anstrich ist sie auch nicht zu übersehen!
Viel Zeit habe ich nicht, mir wird eine Kabine zugewiesen, die noch sauber gemacht wird. An der Wand hängt ein Foto von Lenin. Das Besondere an dem Bild ist, dass egal wo man sich im Raum bewegt, Lenin einen immer anstarrt. Was mag er wohl über mich denken als er mich so hier sieht? Ich warte in meiner Kabine mit Michael auf die Geschehnisse des Tages. Dann kommt Igor und sagt: „Los geht's" und führt mich zum Achterdeck des Vessel-Schiffs.



Ich treffe auf Sascha, meinen Instruktor für diesen Tag. Er ist ein zunächst grimmig dreinschauender Typ und ich kenne ihn von gestern, als er uns in einem kurzen Unterricht erklärte, worauf es in den ersten Minuten nach einer Wasserung ankommt.

Viel Zeit zum Nachdenken lässt er mir nicht und zeigt mir die verschiedenen Dinge, die in dem Survival Kit Granat 6 untergebracht sind. Einige erkenne ich wieder von dem Unterricht in meinem Zimmer von gestern Abend, andere sehe ich zum ersten Mal. Die nächste Stunde verbringe ich damit, mit der Pistole auf Kunststoff-Colaflaschen zu schießen und probiere die Funktionsweise der Leuchtmunition aus. Der Tag fängt ja schon mal gut an, denke ich bei mir. Alles geht sehr schnell vonstatten, und ich bekomme die verschiedensten Tätigkeiten aufs Kleinste erklärt, Sascha entpuppt sich als geduldiger Instruktor. Das alles ist für mich einfach zu neu und ich muss des öfteren nachfragen.



Nach zwei Stunden auf dem Deck des Schiffes meint Igor, ob ich nicht einmal Lust hätte, mich mit dem Psychologen zu unterhalten. Klar, mache ich glatt, denke ich. Warum auch nicht?
Ich treffe in meiner Kabine auf einen älteren Mann, der mich sofort wie einen alten Freund begrüßt. Ich merke sofort, das er der Psychologe sein muss, auch wenn er nicht so aussieht. Aber irgendwie weiß ich es. Rostislav heißt er, erfahre ich nach einer Zeit, und er ist schon über 30 Jahre im Space-Programm der Russen. Er betreute fast alle Besatzungen, die im All waren in dieser Zeit, und stand auch bei Notfällen auf der MIR (Brand im Jahr 1997 und Kollisions-Katastrophe mit einem Progress-Frachtschiff im Jahre 1999) der Besatzung mit Rat und Tat zur Seite. Igor fungiert als Übersetzer. Igor wird in diesen Tagen ein wahrer Freund für mich, dies bemerke ich immer mehr.



Igor übersetzt alles wortwörtlich und ich erfahre, was ein Kosmonaut für eine Persönlichkeit sein muss. Rostislav analysiert mich, und binnen einer Stunde mit verschiedenen Test wie Farbtests und Reaktionstests fühle ich mich durchleuchtet, aber auch irgendwie in meinem Vorhaben gestärkt. Ich muss z.B. an einer Stoppuhr beweisen, ob ich 10, 30 oder auch 60 Sekunden abstoppen kann, ohne die Uhr zu sehen.

Da ich ein sehr visueller Mensch bin, gelingt mir das auf Anhieb, weil ich mir das Ticken des Sekundenzeigers auf einem Ziffernblatt gedanklich vorstellen kann. Danach soll ich 50, 30 und 20 KG mit einem speziellen Messgerät drücken, nur so aus Gefühl. Erstaunlicherweise schaffe ich dies alles mit Bravour. Ich beginne, mich nicht mehr über meine Fähigkeiten zu wundern. Das Gespräch mit Rostislav dem Psychologen bringt mir sehr viel. Er bestärkt mich auch durch sein Charisma, welches er ohne Frage besitzt. Es kommt mir so vor, als würde ich ihn verstehen, ohne seine Sprache zu verstehen. Interessant ist der Einblick durch die Tür für Space-Psychologie für mich.



Danach bekomme ich von Sascha die verschiedensten Anzugsgegenstände gezeigt, die ein Kosmonaut in der Kapsel hat. Unterwäsche, Flugoverall, Sweater, und dann sehe ich zum ersten Mal den Sokol Raumanzug (die Russen sprechen von einem „Skafander", das habe ich auch schon früher des öfteren gehört). In echt habe ich den noch nie gesehen. Danach folgt der Forel-Überlebensanzug, der wasserdicht ist, wenn man ihn richtig anzulegen vermag. Diesen Forel-Anzug muss man im Bedarfsfall über alle anderen Kleidungsstücke anziehen.

Während ich versuche, mir die verschiedenen Dinge zu merken, passiert es unverhofft: Die anderen Crews sind schneller mit ihrem Dry-Training fertig als gedacht, und Valerij kommt zu mir und legt seine Hand auf meine Schulter: „Andreas, you will make now the dry-training!" Mir bleibt das Herz stehen, er meint es wirklich ernst!

Also ab zum Arzt, eine halbe Stunde werde ich auf den Kopf gestellt: Blutdruck, EKG im Liegen und Sitzen und im Stehen. Alles Okay, und 20 Minuten später sitze ich mit meinem Instruktor Sascha zum ersten Mal in der Soyouz-Descent Kapsel! Oh mein Gott, ist das eng hier, denke ich. Und hier soll ich mich komplett umziehen etc.? Sascha spricht kein Wort englisch, die Luke oben steht auf und Igor übersetzt seine Erklärungen ins Englische. Weia weia, da habe ich mich ja auf etwas eingelassen!



Sascha erklärt mir, was bei dem Umziehen alles zu beachten ist, insbesondere kann es passieren, das man mit irgendwelchen Körperteilen an den Schalter der Hauptenergieversorgung kommt und die Kapsel abschaltet. Das ist zwar nicht weiter kritisch, jedoch wird die Kühlung dann auch ausgeschaltet und man sollte sehen, das man sie so schnell wie möglich wieder einschalten kann. Ich wundere mich nicht darüber, denn auch schon so, wie ich in der Kapsel sitze ist es schweineheiß, und ich habe nur kurze Hosen und ein T-Shirt an. Der Schweiß beginnt so schon zu laufen, das kann ja heiter werden! Nach 15 Minuten Instruktionen wieder raus aus der Kapsel, und dann heißt es: Sokol Druckanzug anziehen, und das entwickelt sich zu einer wahren Tortour: Instruktoren zeigen mir, wie man den Anzug am Besten anbekommt; das alleine ist schon Schwierigkeit genug.

An allen Seiten wird an mir rumgezerrt, und es wird richtig anstrengend. Der Schweiß beginnt in Strömen zu laufen, und weil ich es nicht auf Anhieb schaffe, das Oberteil des Anzugs über meinen Quadratschädel zu hieven, werde ich nervös. Es kommt mir so vor, als wären Hunderte von Augen auf mich gerichtet. Natürlich stehen viele um mich herum und schauen, aber sie geben mir eher das Gefühl einer Sicherheit. Nach einigen Hürden ist es dann geschafft, und ich stehe in voller Montur in der Kabine, mit Sokol Anzug. Man sagt mir, es ist der größe, den es gibt, und er stammt auch noch aus früheren Tagen der MIR-Missionen. Der Anzug wurde im All getragen!

Russische Kosmonauten sind etwas stämmiger als ihre europäischen und amerikanischen Kollegen. Die maximale Größe darf 1.84 nicht überschreiten; nun gut, da habe ich ja noch 4 Zentimeter gut. Aber der Anzug ist hauteng und lässt einem nicht viel Bewegungsfreiheit. Nun verstehe ich auch die Bilder der Kosmonauten auf dem Weg zu ihrem Raumschiff: Etwas gebückt wie Affen schreiten sie daher, und ich komme mir beim Gehen nun vor wie ein Australopitectus der Urzeit!
Nun trage ich zum ersten Mal einen russischen Sokol-Anzug, und es erscheint mir die ersten Minuten unmöglich, mich anständig darin bewegen zu können. An den Schultern drückt er ganz gut, und in den anzugeigenen Schuhen rutschen meine Füße ziemlich hin- und her.

Dann machen wir uns auf den Weg zur Kapsel, hinaus aus der Kabine und die Leiter runter, ich werde flankiert von Männern, die mich an allen möglichen Schlaufen und Ösen festhalten. Ich denke: Andreas, mach Dir keinen Kopf. Dir kann nichts passieren!

Dann hoch auf die Leiter, die Sicht ist sehr eingeschränkt durch das Klappvisier des Helmes. Aber irgendwie geht es dann. Ich setze mich auf den Rand der Descent-Kapsel, lass die Beine in die Tiefe der Kapsel hängen und rutsche dann hinein. Rechts ist mein Platz, mein Gott, im Raumanzug ist die Kapsel noch enger!

Ich bleibe beim Hineingleiten mit dem Helm an der Luke hängen, aber ich drehe die Schulter etwas nach rechts, dann geht es. Mein Herz beginnt zu pochen und ich fühle, das ich jetzt schon schweißnass bin.
Dann sitze ich auf meinem rechten Platz in der Kapsel und versuche ruhig zu atmen. In der Ruhe liegt die Kraft sage ich mir, Dir kann nichts passieren. Horrorstorys habe ich bisher noch keine gehört, also fühle ich mich sicher.

Ich versuche den Kopf nach rechts zu drehen zum Bullauge und sehe Rostislav mit seinem breiten Grinsen. Er reckt den Daumen nach oben, und ich tue es ihm gleich, auch wenn ich mich nicht Hundertprozent mit meinem Daumen im Einklang befinde. Eine Minute später folgt Sascha und die Luke über mir wird geschlossen. Ich komme mir vor wie ein Erdferkel in seinem Bau. Bewegung ist nicht möglich; erst als ich mich einigermaßen in die Sitzwanne gepresst habe und die Beine angewinkelt habe, wird es einigermaßen gemütlich.