14.09.2001 – Hero for one day!
So langsam bekomme ich ein Gefühl dafür, was es bedeutet:
„To be an Kosmonaut!"
Nach einer kurzen Zeit geht es richtig los. Kontaktaufnahme mit dem Rettungsteam, unser Call-Sign ist „Ozeana Dwa" (Ocean Two), das Bergungsteam heisst „Zarya" (Sonnenaufgang). Ich denke an das Zarya-Modul der ISS.
Der erste Schritt: „Skafander out!".
Oh mein Gott, das Anziehen war schon schwierig genug, und nun dasselbe in der anderen Richtung in dieser Kapsel. Sascha schaltet die Hauptstromversorgung ein, und die Lüftung wird angeschaltet. Mein Herz beginnt zu pochen, aber Sascha strahlt eine vornehme Ruhe aus; ich denke an Ed, der mir sagte: „Not in a hurry!". Okay, Andreas, not in a hurry!
Das Ausziehen des Sokols erweist sich als martialische Tortur. Das Helmteil muss über den Kopf gezogen werden, und das ist bei weitem nicht einfach! Man muss den Hals wie eine Schildkröte in Richtung Schultern drücken und versuchen, den Rücken ganz gerade durchzudrücken. Zu gleicher Zeit drückt man mit beiden Händen gegen den Metallring, wo der Helm in einem Stück an den Anzug angepasst ist.
Dies nun in der Kapsel zu machen ist nicht einfach, und ich rede hier von einem Platz, der wahrscheinlich nicht mal 3 Kubikmeter groß ist!. Nach 5 Minuten flutscht der Aluminium-Ring über meinen Schädel und ein erstes Aufatmen von meiner Seite her folgt. Sascha grinst. Ja, denke ich bei mir, grins Du nur. Du sitzt da im T-Shirt und ich muss mir hier einen Abschwitzen. Aber so negativ sind meine Gedanken dann auch wieder nicht.
Nachdem ich mich dann meines Sokols entledigt habe wird mir gezeigt, wie man ihn am besten zusammenlegt und wo man ihn verstaut. Er wird in die Sitzwanne gedrückt, da scheint er auch am Besten aufgehoben zu sein. Dann wird der Overall angezogen. Ich komme mir vor wie ein kleines Kind, dessen Windeln gewechselt werden. Sascha unterstützt mich dabei und dann ist der Overall schon bis zur Hüfte hochgezogen. Die Temperatur in der Kapsel steigt und steigt, ich schätze mal so auf 50 Grad. Aber das Wichtigste in der Kapsel: Ruhe bewahren. Schritt für Schritt und langsam den nächsten Schritt machen, und sich vor allen Dingen nicht überanstrengen. Mein Puls rast dahin und ich werde via Funk vom Rettungsteam gefragt, wie es mir geht: Nun denke ich, mir ist es schon einmal besser gegangen, aber so schlimm ist es nun auch nicht. „All is okay!" melde ich ins Funkgerät und die Anziehaktion geht nun weiter.
Nun folgt der Kälteschutzanzug. Auch das Anziehen wird zur Tortur. Ich muss mich recken und strecken. Dies ist für einen Mann in meiner Statur nicht einfach! Nachdem dies geschafft ist, der Nässeschutz. Auch er wird nur bis an die Hüften hochgezogen. Dann folgt der Sweater und eine Wollmütze.
Dann die nächste Hürde: Der Wasseranzug „Forel", ein aus Gummi bestehender Ganzkörperanzug. Ich mache eine kurze Pause, und Sascha reicht mir einen Schlauch, aus dem kühle Luft kommt. Es ist keine Klimaanlage, sondern nur ein Kühlschlauch, der bestehende Luft in der Kapsel umwälzt und wieder nach einer Reinigung hinausströmen lässt. Dieser Schlauch ist normalerweise während dem Sitzen in der Kapsel mit dem Sokol verbunden, den habe ich jedoch nun gottseidank nicht mehr an. Zwischendurch fragt das Rettungsteam nach meinem Puls: Sascha bekommt ein Signal, und er beginnt 15 Sekunden lang meinen Puls zu messen. Ich schätze ihn mal auf 140 bis 150, genau erfahre ich es nicht, weil ich kein russisch verstehe. Aber es wird gehen, ich bin noch lange nicht am Rande eines körperlichen Zusammenbruchs. Ich denke nur daran, das man diese Umziehaktion normalerweise mit 3 Crewmembern gleichzeitig macht, aber das wird wohl nacheinander gehen.
Ich ziehe den Forel über meine Beine bis zur Hüfte, danach richtet Sascha die anderen Sachen an mir so aus, so dass ich sie nacheinander über die Schultern ziehen kann. Oh, ich komme mir immer mehr vor wie ein kleines Kind, mir ist die Sache sehr peinlich. Sascha strahlt eine Ruhe aus, die bemerkenswert ist und ich lasse mich von ihm anstecken. Ich denke wieder an meinen Zimmergenossen Ed: „Not in a hurry!"
Die verschiedenen Anzüge ziehe ich mir über den Kopf, die Hitze wird unerträglich, eine Sauna ist ein Wohltat dagegen. Da kann man sich wenigstens bewegen!
Aber, ich fühle mich nicht schlecht, mir ist es in meinem Leben schon mal schlechter ergangen. Es ist eine unglaubliche Herausforderung für mich, jedoch ist sie nur schwer zu beschreiben, wenn man es nicht selber erlebt hat.
Das Survival-Pack wird mir von Sascha an meinem Körper angeleint, dann Kapuze über den Kopf und festziehen. Ich komme mir vor wie ein Pinguin, auch wenn der Anzug „Forel" heisst. Aber wenn ich so richtig darüber nachdenke, ist mir der Name des Anzugs auch irgendwie klar: Man kann sich im Wasser mit dem Anzug wie eine Forelle bewegen!
Dann öffnet Sascha die Luke über uns, und ich versuche, mich nach oben zu hieven. Es klappt, und die Sonne brennt in meinen Augen. Aber das ist kein richtiges Problem; die Bewegung mit den verschiedenen Anzügen ist jedoch nicht einfach. 4 Schichten von verschiedenen Anzügen sind unter dem Forel, Bewegung ist fast unmöglich. Ich bleibe einige Sekunden in der Luke stehen und was nun folgt, geht wie in Trance: Ich sitze auf dem Lukenrand der Kapsel, versuche meine Beine über den Rand zu hieven. Irgendwie geht es und ich stehe. In 9 Metern Tiefe erhasche ich einen kurzen Blick von der Oberfläche des Schwarzen Meeres. Dann merke ich Dutzende von Händen an mir die mir helfen. Nur nicht abrutschen, und wenn doch, ist eine helfende Hand sofort zur Stelle. Ich krieche die Leiter hinunter so wie ich gekommen bin.
Erst als ich auf dem Deck des Schiffes stehe so in meinem Anzug bemerke ich, dass ich nicht nur von helfenden Händen des Bergungsteams umgeben bin: Die gesamte Besatzung steht um mich herum. Es wird fotografiert, und viele freundliche Gesichter blicken mich an. Und die Amerikaner erst: Sie können es nicht fassen!
Ihr Missmut mir gegenüber als „Touri" scheint verflogen zu sein und sie machen Bilder- wir dürfen von ihnen keine Bilder machen. Nun scheinen sie aus dem Häuschen zu sein und das erste Gesicht, das ich nach meiner Tortur wahrnehme, ist das des amerikanischen Arztes Rick. Nachdem ich mich in meiner Montur auf eine Bank gesetzt habe, sehe ich wie einer der Ärzte vor mir steht und meinen Namen ruft.
Es bleibt mir nur kurze Zeit, ihn zu lokalisieren, dann habe ich schon einen Eimer mit Eiswasser in meinem Gesicht. Ein Eisbeutels wird mir auf den Kopf gelegt. Fühlt sich sehr gut an, oh – die Erde hat mich wieder. Hmmm, die Erde? Ich war doch gar nicht im All. Helfende Hände zerren mir die vorher angelegten Kleidungsstücke vom Körper und der Arzt übergießt mich wieder mit Eiswasser. Schocktherapie in Vollendung!
Hier bemerke ich die Herzlichkeit der Russen in Vollendung. Es ist einfach unglaublich.
Erst viel später nach einer Dusche und einer folgenden Untersuchung ärztlicherseits wird mir bewusst, dass ich in einer 3 Kubikmeter großen Kapsel saß, in der so an die 60 Grad herrschte, bei einer Luftfeuchtigkeit von 100 Prozent!
Später sagt Michael: Das hat ne Stunde gedauert! Für mich waren es Tage oder Minuten, ich bin mir da nicht so sicher. Ich bin froh: nicht darüber, dass ich es überstanden hätte, sondern dass ich das Dry-Training vollendet habe. Ohne die tatkräftige Unterstützung von Sascha wäre mir das wohl unmöglich erschienen! Ich erfahre, das Sascha ein ehemaliger MIG-29 Kampfpilot war bevor er ins Astronautentraining aufgenommen worden war. Er durchlief 2 Jahre das Training, bis man feststellte, das er wohl nie fliegen dürfte: Er hat eine kleine Erkrankung am Herzen. Nichts Besonderes, jedoch ausreichend dafür, das er nie fliegen dürfte.
Abends nach 19.00 Uhr sind wir wieder an Land. Nach dem Abendessen noch ein Bier mit Igor und Michael. Irgendwie bemerke ich, das mich die Leute der Crew und des Teams akzeptiert haben.
Dass dies nicht einfach ist, ist mir auch klar, schließlich haben sie es noch niemals mit jemanden zu tun gehabt, der kein Professional ist. Ich erfahre, selbst Dennis Tito hat dieses Training nicht gemacht, weil er „keine Zeit" hatte. Unvorstellbar.
Zwischen mir und Igor ist was ganz besonderes, vielleicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?
Gegen 23.00 Uhr falle ich, nachdem ich mein Tagebuch weitergeschrieben habe, in einen tiefen Schlaf. Am nächsten Tag soll ich das Short-Training machen: Auf See aus der Kapsel ins Meer mit dem Sokol. Nun, wenn es weiter nichts ist!