15.09.2001 – Schwimmhäute und andere Kleinigkeiten
9.30 Uhr
Wieder auf dem Schiff. Heute soll ich ja bekanntlich das Short-Training machen, der Ausstieg aus der SCHWIMMENDEN Kapsel im Sokol-Raumanzug. Mein Nacken schmerzt, und ich bekomme eine wohltuende Massage von Rostislav.
Danach gibt es wieder Unterweisungen von Sascha. Ich erfahre, dass er die nächsten Tage nicht nur mein Instruktor ist, sondern auch mein Kommandant. Ich werde nicht mit richtigen Kosmonauten trainieren, dies ist mir eigentlich auch ganz klar, schließlich haben die Jungens ihren Flug und müssen sich auf andere Dinge konzentrieren als auf mich, das „Space Baby".
Alle sind mir gegenüber lockerer geworden, seitdem ich gestern bewiesen habe, dass ich das, was die Professionals machen, auch kann. Sie geben mir die Hand, nehmen mich in die Arme und lachen viel. Sie haben mich als den ihren akzeptiert, denke ich. Auch die Amerikaner sind nicht mehr oberflächlich-freundlich, sondern sie meinen es ernst. Vielleicht können Sie es nicht verstehen. Da kommt so ein "Internet-Fred" aus Deutschland und macht es ihnen nach. Darüber nachzudenken ist schon recht witzig.
Sascha zeigt mir die Handgriffe, die man beherrschen muss, wenn man die Kapsel verlässt. Und kaum geübt und besprochen, folgt auch gleich die Praxis: Über die Schiffsleiter steige ich in Richtung Wasser und muss die Bewegungsabläufe vormachen: Nach links und rechts über die Schulter gucken, Handbewegung fürs Wegwerfen des Survival-Packs, Draht im Helm ziehen damit sich der Halsbereich an den Hals heranzieht und ihn somit dicht macht, Helm ein wenig schliessen. Ich halte meine Beine geknickt, mache die Handbewegung mit der freien Hand zum Ergreifen des rechten Floating-Devices (dieser Begriff "Floating device" wird mir wohl nie mehr aus dem Kopf gehen, genauso wenig wie die Begriffe „Descent-Capsule" und der Satz „We must remind you ...!") und lasse die Treppenstufe einfach los, mache mit beiden Armen die Bewegung zum Körper weg (Simulation zum Ziehen des Floating-Devices) und falle rückwärts in Richtung Wasseroberfläche.
Schwapps – ich tauche in das Schwarze Meer ein. Nur einige Sekunden später tauche ich wieder auf und bekomme Hinweise, was ich vergessen habe oder was ich besser machen könnte.
Sascha ist im Wasser, Taucher sind um mich herum, von der Bordwand von oben sehe ich Irina, die wieder alles ins Englische übersetzt, Igor und Michael, der mich bei meinen Aktivitäten filmt.
Viermal mache ich die „Nass-Trocken-Übung", bis ich es nach Meinung von Sascha perfekt beherrsche.
Danach folgt die Übung im „scharfen" Floating Device. Es klappt alles, und ich falle ins Wasser, das Device bläst sich unter meinen Armen auf und bringt mich wieder an die Wasseroberfläche zurück! Uff, der zweite Schritt in Richtung „Survival Training" ist getan!
Nach dem Mittagessen bekomme ich die Anweisung, zu schlafen. Erst in drei Stunden soll es für mich zum Short-Training kommen.
Es kommt leider anders: Da verschiedene Dinge in der Descent-Capsule ausgetauscht werden müssen, verschiebt sich der gesamte Ablauf. Ich erhalte die Nachricht: Für mich gibt es heute kein Training mehr, da die Professionals zuerst alle ihr Long-Term-Training machen müssen.
(Long Term bedeutet dasselbe Prozedere, welches ich einen Tag vorher auf dem Deck in der Kapsel gemacht habe, nur auf dem Wasser).
Dafür habe ich selbstverständlich Verständnis, und denke auch, wegen den Blessuren an meinem Körper und meinem „steifen Genick" kommt es mir eigentlich nicht so ganz unrecht.
Morgen soll ich dann mein „Long-Term-Training" machen, direkt als aller erste Crew (von diesem Tag an nennt man uns Crew 3), - mit Sascha zusammen, er auch im Sokol und auf offener See! Nun gut, eine Gnadenfrist denke ich und somit bin ich wieder im normalen Ablauf, wie die Professionals auch.
Ich nutze also den halben freien Tag, um mit Igor von der Schiffswand zu springen und zu schwimmen. Ich unterhalte mich mit ihm über alle möglichen Dinge und bemerke, das wir uns seit gestern gewaltig angenähert haben, und dies erfreut mich. Auch gehen wir zusammen in die schiffseigene Sauna für zwei Stunden, was meinem geschundenen Körper ganz gut tut.
Erst gegen 17.00 Uhr tauchen Paul Richards und Sergej Volkow mit der Kapsel ins Meer und ich beobachte sämtliche Tätigkeiten, als sie wieder aus der Kapsel auftauchen.
Oh mein Gott, denke ich, - morgen bist du dran.
Und ich spüre meine Knochen recht gut. Aber ich weiß, es wird gut gehen. Mir kann nichts passieren und ich fühle eine Stärke in mir!
Abends meint Ed zu mir: Nimm um Gottes Willen Tabletten gegen Seekrankheit! Egal, ob Du sie brauchst oder nicht, nimm sie einfach. Sie schaden Dir nicht!