Zentrifuge - Sojus Descent Training - oder: mehr als nur im Kreis fahren!
Auf meiner neuesten Reise nach Russland hatte ich nicht nur das Bedürfnis, 38 Jahre Erdschwerkraft zu überwinden. Ich wollte auch das andere Extrem spüren lernen, welches ich schon beim Anstieg der Illyushin 76 zur Parabel gespührt hatte: Beschleunigungskräfte, sogenannte G-Forces, die auf einem lasten und manche Bewegungen schier unmöglich machen. Also begab ich mich am Morgen des 04.09.2003 in einen berühmten Komplex im GCTC, der Zentrifuge.
Die Zentrifuge wurde durch eine schwedische Spezialfirma gebaut und zählte bis vor kurzem zu der grössten der Welt. In ihr lassen sich Beschleunigungskräfte aufbauen, die jenseits von 30 G liegen! Stellen Sie sich vor: Sie wiegen auf der Erde 80 KG (um wieder bei unserem Beispiel zu bleiben vom Parabelflug). Es ist zwar nicht möglich, einem Menschen mit einer solchen Belastung zu konfrontieren, aber dies ist ja auch nur ein Gedankenspiel. Bei einem Gewicht von 80 Kilogramm würden Sie in der Zentrifuge bei 30 G 2.400 Kilogramm wiegen! (80kg x 30G = 2.400 Kilogramm). Fast zweieinhalb Tonnen! Sie können sich vielleicht vorstellen, das dies kein Mensch überleben würde. Aber kommen wir zum nächsten Schritt in der Sache "How to feel like an Cosmonaut!"
11.00 Uhr:
Mit, zugegegenben, etwas "weichen" Knien betrete ich den Vorraum der Zentrifuge und werde dann in einen Raum geführt, wo mich eine Ärztin erwartet. "Oberkörper frei" meint sie in Russisch und ich folge auf ihren Ton. Sie legt mir Elektroden an, die meine Herztätigkeit, Atmung, Blutdruck und Puls während der Fahrt mit der Zentrifuge messen wird. Sie sprüht mit Alkohol auf meine Haut, dieser ist bekanntlich sehr kalt. Grosse "Mitleidsbekundungen" ihrer Seite gibt es nicht, ich bemerke wieder, das ich hier unter Professionellen bin, die wissen, was sie tun. Nach 10 Minuten sitzen die Elektroden richtig und ich kann mich wieder anziehen. In meinen Gedanken bin ich in der Zeit, als ich die Zentrifuge zum ersten mal live gesehen habe, bei einer Kurzbesichtigung vor meinem Trip zum Water Survival Training in Sochi im September 2001. Damals lief ich unter der Zentrifuge mit Michael Schultz, meinem Begleiter, hindurch und war fasziniert von der Grösse der Halle und der Zentrifuge. Damals hätte ich mir niemals zu träumen gewagt, eines Tages mit dieser Zentrifuge auch einmal zu fahren.
An Raumfahrern wird hier getestet, ob sie die Beschleunigungskräfte aushalten, die beim Start und insbesondere beim Wiedereintritt in die Atmosphäre mit der Soyouz-Kapsel auftreten können. Bei Start beträgt die G-Force ca. 3.2 G über die Dauer von 7 Minuten, beim Wiedereintritt zwischen 3.2 und 4.5 G. Nur in Ausnahmesituationen wird die Stärke dieser Kräfte überschritten. Es ist in der Geschichte der russischen Raumfahrt nur insgesamt dreimal vorgekommen, das die Raumfahrer höheren Belastungen ausgesetzt waren, erst jüngst in der Geschichte der Rückflug der ISS-Besatzung 6 mit dem funkelnagelneuen Soyouz-TMA Raumschiff: Ihre Rückflugbahn war nicht optimal, und sie stürzten in einer ballistischen Rückkehrflugbahn der Erde entgegen. Dabei wurden Kräfte aufgebaut, die teilweise über 9 - 10 G gelegen haben müssen. Zum Vergleich: Beim amerikanischen Space-Shuttle treten sowohl beim Start als auch bei der Landung max. 4 G auf. Dies hat natürlich etwas mit der Konzeption der Raumschiffe zu tun, ist der Space-Shuttle eher ein Segelflugzeug, ist die russische Soyouz-Kapsel eine konische Tonne, die von 28.000 Stundenkilometern auf knapp 600 Stundenkilomtern abgebremst wird, wenn sie 7 Minuten in einer aus ionisierenden Hülle aus Gas durch die Atmosphäre rast.
Ist die Rückkehrkurve optimal, treten an der Aussenhaut Temperaturen jenseits von 1.800 Grad Celsius auf, der Hitzeschild brennt fast vollkommen ab und die Kosmonauten an Bord der Soyouz können im wahrsten Sinne des Wortes sehen, wenn an den zwei Fenstern am Raumschiff ihre Außenhaut abgeschweisst wird! Aber, die Vergangenheit hat defintiv gezeigt: eine sehr sichere, wenn auch sehr anstrengende Rückreise zur Erde. Aber ich denke, eine solche Reise kann ja nun mal auch nicht mit einem Ausflug nach Teneriffa oder Mallorca verglichen werden, die sie in jedem Reisebüro für wenig Euro buchen können!