Gedanken - vor der Fahrt

Zurück aus dem Bereich "Ausflug in die Technik" zur Zentrifuge: Nachdem ich den ärztlichen Check über mich ergehen liess, werde ich von Personal zum Zentrifugen-Federsessel geführt, der eher wie ein elektrischer Stuhl aussieht. Ich komme mir vor, als hätte mein letztes Stündlein geschlagen und befinde mich auf dem Weg zur Vollstreckung des Urteils. Quatsch, Andreas - reisse ich mich zusammen, absolut unnötig dieser Vergleich. Ich setze mich auf einem Schemel und ziehe Fußschoner über. Dann setze ich mich nach hinten in den Sitz, der der Sitzposition in einer Soyouz-Kapsel gleicht. Ich muss jedoch an dieser Stelle bemerken, das dieser Sitz wesentlich bequemer ist. Der Sitz in einer Soyouz ähnelt eher einer "Sitzwanne". Ist jedoch nicht unbequem, wenn man die richtige Sitzposition gefunden hat. Ausserdem ist es die beste Sitzposition, um die Kräfte die beim Start und bei der Landung auftreten, verteilen zu können. Hautsächlich wirken sie auf Rücken und Brust, einem sehr stabilen und dennoch flexiblen Bereich des menschlichen Körpers.

Nachdem ich die richtige Sitzposition eingenommen habe, wird meine medizinsiche Verkabelung mit dem Sitz befestigt, so dass die Ärtze im Raum weiter oben sofort meinen Herzschlag und mein weiteres Wohlbefinden beobachten können. Ich fühle mich nicht mehr aufgeregt und lasse die Dinge auf mich zukommen. Zwei Techniker und ein Arzt betreuen mich und schnallen mich richtig fest, so das ich mich kaum bewegen kann. Eine zu lockere Sitzpostion hätte viele blaue Flecken zur Folge, genauso eine zu feste. Wichtig ist, das ich nichts festes in meinen Taschen des Overalls habe, welches mir während der Fahrt Blessuren zufügen könnte. Und somit mache ich meine Taschen leer, so das ich wirklich sicher sein kann.

11.30 Uhr
Der Sitz wird auf einem Fahrgestell in Richtung Luke der Zentrifuge geschoben. Von meiner Sitzposition sieht sie eher aus wie das Maul eines Ungeheuers, welches nur auf eine Mahlzeit wartet. Mein Sitz wird in die richtige Höhe gebracht und auf einem Schlitten in die Zentrifuge manöveriert. Messinstrumente und Arretierungen werden befestigt, ich sehe einige Köpfe über mir, auch von Thomas Kraus, meinem Begleiter, der Fotos macht. Alle lächeln mir zu, ich muss wohl tatsächlich aussehen als würde ich auf eine Reise gehen, von der ich nicht wieder kehre.

Ich blicke mich in der Zentrifuge um. Es können zwei Kosmonauten zur gleichen Zeit geprüft werden, links neben mir befindet sich noch eine Luke mit einem Schlitten, der jedoch leer ist. Weiterhin bemerke ich vor meinen Augen in ungefähr 30 Zentimetern Höhe ein Kreuz. Irgendwie komme ich mir jetzt schon vor, als würde ich auf eine Reise zu den Sternen gehen und bemerke den ungeheuren Aufwand, der notwendig ist, einen Menschen auf eine solche Reise zu senden. Der Mensch hat im Laufe der letzten hundert Jahre einiges hinzugelernt: Sei es zu fliegen mit Motorkraft (Gebrüder Wright, Kitty Hawk/USA 1903) oder sei es der erste Mensch im All (Juri Gagarin, 12. April 1961). Die Technik hat sich verfeinert, die Methoden sind teilweise wohl angenehmer geworden, aber die Art hat sich nicht geändert. Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm, und dies macht eine bemannte Raumfahrt auch so teuer, schliesslich will man einen Menschen oder gleich mehrere nicht nur nach oben schicken, sondern auch, dass sie heil wieder runterkommen!

Nach weiteren 5 Minuten wird die Luke hinter mir geschlossen und ich bin alleine. Stille macht sich bemerkbar, und ich höre ein elektrisches Summen. Die Gangway wird zurückgefahren und mir kommt der Film "Contact" mit Jodie Foster in den Sinn, als sie als Astronomin Elenor Arroway auf die Reise zu den Sternen geht, jedoch recht weit von der Erde weg, um den ersten Kontakt mit einer ausserirdischen Kultur herzustellen, die sie an den Rand ihres Seins führt. Wie die Bilder sich gleich, denke ich! Der Lautsprecher erwacht: "Hallo Andreas, hier ist Zorja" sagt meine deutsche Übersetzerin. "Wir sind hier alle im Kontrollraum und können Sie sehen auf dem Monitor. Sie sehen wie ein Held aus!" Gut das das TV-Bild nur schwarz-weiss ist, denke ich, denn ansonsten könnte man sehen, das ich eine etwas rotere Gesichtsfarbe bekomme. "Hallo an alle" sage ich verlegen und grinse in das Auge der Kamera. Wieder fällt mir ein weiterer Film ein: 2001- A Space Odyssey. Das Auge des Computers HAL 9000. Genauso sieht dieses Kameraauge aus, aber binnen Sekunden habe ich meinem Geist die Möglichkeit gegeben, diese Kamera einfach zu vergessen. Ich fühle mich alleine und höre in meinem Kopf einen Countdown.