Spinning around!

Etwas setzt sich in Bewegung. Die Zentrifugenkuppel wird in einer andere Position gefahren, so das ich nun wirklich nicht mehr liege, sondern tatsächlich sitze. Dann, nach kurzer Zeit, setzt sie sich in Bewegung. Zuerst langsam. Ich kann es noch nicht einschätzen, wie schnell sie sich bewegt, urplötzlich höre ich die Stimme "1G" aus dem Lautsprecher. Hmm, - denke ich, das bekommst Du ja gar nicht mit.

"2G" höre ich aus dem Lautsprecher. Hmm, denke ich wiederrum, gestern beim Ansteigen während der Parabel habe ich mich schwerer gefühlt. Ich merke, wie die Zentrifuge rotiert, versuche zu erahnen, wie schnell. Es gelingt mir jedoch nicht. "3G" sagt Zorya über den Lautsprecher und ich fühle, wie die Schwere sich meiner bemächtigt. Als erstes bemerkt man es am Atmen. Das Atmen wird schwerer und man muss sich mehr anstrengen.

"Geht es Dir gut? fragt mich eine Stimme im Lautsprecher. "Are you feeling allright?" "Yes. I´m feeling very good!" sage ich zurück, und das ist noch nicht einmal gelogen.

Ich rolle mit den Augen und bewege den Kopf ein wenig nach links und rechts, um ein wenig Gefühl für die veränderten Kräfte zu bekommen. Ich bemerke, wie sich mein Augeninnendruck erhöht.

"Look at the cross!" sagt der Arzt, dessen Stimme ich erkenne. Ich konzentriere mich und fixiere mit meinen Augen das Kreuz, welches sich in 30 Zentimenter Entfernung vor meinen Augen befindet. Meine Augen bleiben ruhig, und fangen nicht an zu zittern.

Das bemerke ich sofort, habe ich doch aus Büchern von Astronauten gehört, das somit die Bewegung der Augen kontrolliert wird, um später während des Raumfluges zu kontrollieren, das man die richtigen Anzeigeinstrumente und die richtigen Knöpfe im Auge hat.

Zittert das Auge, kommt es zu Doppelbildern, und somit zu Fehleinschätzungen. Menschen, die damit ein Problem haben, sind für einen Raumflug nicht geeignet, weil sie ein Sicherheitsrisiko darstellen.



"4G" höre ich die Stimme wieder sagen. So, denke ich. Da bin ich also unterwegs in der Zentrifuge, festgeschnallt im Federsessel. Eine kleine "Space Odyssey". Noch habe ich die Erde nicht verlassen, denke aber, es könnte auch jetzt gleich passieren. Ich fühle mich gut und die Fahrt mir der Zentrifuge geht weiter. Das Gewicht auf meiner Brust wird immer stärker, und ich beginne mehr über den Bauch zu atmen (Bauchatmung), weil die Muskulatur des Brustkorbes nun mehr Kraft aufwenden muss.

"Versuchen Sie in die Kamera zu winken!" höre ich Zorya sagen. Und ich versuche es. Mein Gott, ich werde schwerer und schwerer, und jetzt soll ich auch noch in die Kamera winken? In der linken Hand halte ich einen Joystick fest. Ich halte mit den Fingern einen Knopf gedrückt, dieser Knopf gibt mir die Sicherheit, die Zentrifugenfahrt jederzeit unterbrechen zu können, wenn es mir zuviel wird. Loslassen ist unter diesen G-Kräften einfacher als drücken, und somit müsste man nur den Joystick loslassen, und die Fahrt würde aufhören.

Ich rotiere weiter, die Kraft steigt weiter an. Ich fühle mich gut und schaffe es, meine rechte Hand so hoch zu heben, das die Kamera sie erfasst. Ich winke in die Kamera und grinse wahrscheinlich sehr dämlich, aber dies ist mir in dem Fall egal. Sie kennen bestimmt Filme, wo Helden mit G-Kräften konfrontiert werden. Alles verzieht sich, und Sie erkennen sich in einem solchen Fall nicht wieder. Die Haut auf den Wangen wird nach hinten gezogen, sie kommen sich vor, als würde Ihnen jemand Tesafilm-Streifen auf die Wangen kleben und auf die Stirn, und dann kräftig nach hinten ziehen.

Nach 7 Minuten endet die Fahrt. Die Kräfte gehen wieder langsam herunter und ich höre eine Stimme im Lautsprecher. "So, jetzt geht die Fahrt wieder runter. 4 G - 3 G - 2 G - 1 G!" Dann stoppt die Zentrifuge, die Kapsel wird wieder in eine steilere Position gestellt, so das ich wieder liege. Die Fahrt ist zu Ende, es kommt mir so vor, als wäre nur eine Minute vergangen, aber es waren knapp 6 Minuten, die ich in Rotation verbracht habe.

Ich höre, wie die Gangway wieder rangefahren wird und an die Kapsel schlägt. Kurz darauf wird die Luke wieder geöffnet und ich sehe den betreuenden Arzt der sagt: "Welcome on Earth, Earthling!". Ich muss lachen. Dann schieben sie mich aus der Zentrifuge hinaus und viele andere stehen um mich rum und grinsen mich an. Thomas sagt: "Das sah einfach Klasse aus! Du auf dem Monitor!" "Ja danke," meine ich zu ihm, "ich kann ja die nächste Rolle von Bruce Willis in Armageddon 2 freiwillig übernehmen!"

Der Sitz wird zurückgerollt, dann werde ich befreit und stehe auf. Komischerweise schwanke ich nicht und habe die vollkommene Kontrolle über mich und meinen Gleichgewichtssinn. Gut, man merkt es schon, das man sich in einer hohen Belastung befunden hat, und ich weiss auch, das ich einen Tag später definitiv Muskelkater haben werde, aber was macht schon so ein bisschen Muskelkater aus! Nichts. Muskelkater ist uninteressant, wenn man sich auf einer solchen Reise, wenn auch nicht lange - befunden hat.

Die Fahrt mit der Zentrifuge hat mich wieder einen Schritt weitergebracht. Vielleicht werden mich diese Dinge wirklich zu den Sternen bringen. Ich habe mir es auf jeden Fall fest vorgenommen und auch die Ärzte und Psychologen bestätigen mir: "You have the Right Stuff!"

In zwei Tagen entgegengesetzte Kräfte zu spüren: an einem Tag die Schwerelosigkeit, vollkommen frei im Raum schwebend, am nächsten Tag fest in den Sitz gepresst mit voller Beschleunigungskraft. Ein wahrhaft aussergewöhnliches Erlebnis. Und das Schöne dabei ist: wenn ich auf den Jahrmarkt gehe, bekommt mich keiner in eine Achterbahn oder in ein Extrem-Have-Fun-Teil. Aber, es ist eine Kopf-Sache! Alles spielt sich im Kopf ab. Sicherlich muss man Vertrauen haben in die Menschen, die einen betreuen. Man muss vertrauen haben in die Technik, ansonsten kann man sich nicht auf eine Reise vorbereiten, die einen in höhere Sphähren bringen wird. Defintiv nicht!



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